Dieserhalb, nicht minder aber wegen ihrer geradlinigen Ehrlichkeit war das Ansehen der Herminonen unter der farbentragenden Studentenschaft groß. Sie wußten es sich aber auch zu erhalten durch die immer bereite Kühnheit, mit der sie auf dem Paukboden standen, wo sie dann die scharfen Klingen ebenso geschickt und flink handhabten, wie sie bei den Hochschülerkränzchen plump und ungelenk das Tanzbein schwangen, mit der gleichen Seelenruhe dort furchtbare Rückschneidquarten in die Gesichter der Gegner, hier nicht minder gefürchtete Tritte auf die Zehen der Tänzerinnen austeilend.
Den unablässigen Werbungen des Mediziners glückte es endlich, seine beiden Stubennachbarn zur Teilnahme an der Eröffnungskneipe zu bewegen. Pichler tat es gern mit der frohen Aussicht auf eine vergnügliche Unterhaltung, während Hellwig mitging, um sich die Geschichte einmal anzusehen und aus eigener Anschauung eine Sache kennenzulernen, deren Lob ihm seit der Gymnasialzeit in die Ohren tönte.
Wie alte Bekannte wurden sie aufgenommen, trafen hier auch einige, mit denen sie gemeinsam die Schulbank in Neuberg gedrückt hatten, schon in junger Fuchsenherrlichkeit mit Kappe und Band und im Vollgefühl ihrer neuen Würde. Einer war darunter, der hatte noch kaum vor Jahresfrist in der Geschichtsstunde behauptet, daß sein Vaterland eine absolutistische Verfassung habe. Jetzt aber redete er von der Notwendigkeit der Sonderstellung Galiziens, von der deutschen Staatssprache und von der Einsicht, die Bismarck mit der Gründung des Norddeutschen Bundes unter Ausschluß Österreichs an den Tag gelegt, redete noch von vielen anderen Dingen, als hätte er selbst sie gemacht und alle hohe Staatswissenschaft in der Westentasche. Und ein anderer war da, Karl Deimling, schon ein alter Knabe, der redete beinah überhaupt nichts, sondern trank nur immerzu, und wenn er sonst noch die Lippen voneinander tat, war es zum Singen eines rauhen Trinkliedes oder zu einer knappen Bemerkung, die mit harter Grobheit wie eine Panzergranate einschlug. Doch war er ein zuverlässiger Kamerad, treu wie ein Bulldogg, und kannte kein anderes Ideal, als die Farben der Herminonen untadelig blank zu halten vor Feind und Freund. Schon manchen Fuchs hatte er gedrillt. Ja fast alle, die jetzt als Burschen an der oberen Tafel saßen, waren einst mit sprossenden Bärten und den ungelenken Bewegungen junger großer Tiere unter seine Fuchtel gekommen. Prachtkerle waren darunter aufgestanden, sehnige Gestalten mit blutroten Narben in den energischen Gesichtern, mit Augen, die in einem selbstverständlichen Mut kühl und beinah schwermütig darein blickten, und mit einer geflissentlich zur Schau getragenen Kaltblütigkeit, die sie älter und reifer erscheinen ließ. Doch wenn sie ganz unter sich waren, dann warfen sie diese Würde wie einen lästigen Mantel ab, schäumten auf und brausten in zweckloser Lebensfreudigkeit, wurden übermütig wie Füllen, ausgelassen wie Kinder nach dem Gottesdienst. Hellwig aber begriff weder die Notwendigkeit jenes gemessenen Gehabens, noch hatte er Verständnis für die harmlose Freude an Unsinn, Kinderei und Ulk. Er konnte nicht mit dem Leben spielen, hatte sich auf jede Sache noch immer mit der ganzen Wucht seiner schweren Gründlichkeit geworfen und kannte die Freude des Schwimmers nicht, der im Ringen mit hoch gehenden Wogen seine überschüssige Muskelkraft um ihrer selbst willen vergeudet.
Feierlich wurde die Kneipe eröffnet, weihevoller Sang ertönte zum Preise der Freiheit und des Deutschtums. Sehr anständig und förmlich ging es zu, bis unten an der Fuchsentafel ein lustiges Trinklied aufklang: „Sa, sa, geschmauset, laßt uns nicht rappelköpfisch sein!“
Da war das Eis gebrochen. Ein scharfes Zechen hob an, Blumen wurden zugetrunken, Bierjungen gebrummt, Übermütige zum Einsteigen verdonnert. Karg als Fuchsmajor hielt scharfes Regiment. Er ließ seine Füchse strafweise trinken, daß sie anschwollen wie Schwämme im Wasser. Das kleinere der Trinkhörner begann zu kreisen. Staunend sah Hellwig, wie mit Ausnahme der allerjüngsten jeder das erzbeschlagene Gefäß in einem Zuge leerte, ohne Atem zu holen, ohne zu verschütten oder zu ‚bluten‘. Die Pfeifen qualmten, eine dicke Wolke Tabakdampf umschleierte die Gasflammen, drückend heiß wurde es. Der Schläger des Erstchargierten fiel immer öfter dröhnend auf die Tischplatte: „Silentium!“ — „Silentium!“ donnerte gleichzeitig Karg seinen Füchsen zu.
Wieder stieg ein ernster Cantus. Aber der klang nur so, wie in der Kirche das Meßlied: pflichtgemäß, korrekt, ohne Wärme.
„Cantus ex! Colloquium!“
„Heil dem Cantus!“
„Verflucht, sind die Füchse ledern!“ rief da der schweigsame Deimling. „Liefert endlich einen Ulk! Oder ich lass’ euch spinnen, daß ihr Schusterbuben kotzt!“
Nun sammelte Karg seine Knappen, beriet sich flüsternd mit ihnen, und die ganze Fuchsentafel zog ins Nebenzimmer. Auch Pichler ging mit, der sich rasch hineingefunden hatte und, leicht beschwipst, alles im rosigsten Licht sah. Nach einer Weile kamen sie mit brennenden Kerzen zurück. Der Fuchsmajor rückte einen runden Tisch von der Wand, stellte einen Stuhl darauf und ließ sich dort oben nieder. Die Füchse aber umkreisten ihn und sangen: