Dann war er am andern Ufer, ging wie schlafwandelnd an alten Palästen vorüber, hinter deren geöffneten Torflügeln die Trauer sterbender Gärten wehmütig versunken lag; durch eine steil ansteigende Gasse schritt er, und auch hier webte die Erinnerung, war die Stille einer längst verwehten Zeit. Doch war hier ein anderer Stil in den Häusern, die Fassaden waren reicher und schmuckvoller, durch schön geschmiedete Gitter oder kunstvolle Tore vorteilhaft gehoben. Allerlei Schildereien zierten die Fronten, hier glänzte ein silberner Schlüssel im blauen Felde über der Haustür, dort ein Wagenrad oder Winkelmaß, da wieder sprang ein Hirschlein mit vergoldeten Hufen, blühte eine vielblättrige Blume, als Zeichen einer Innung oder Wappen eines längst verstorbenen Besitzers und seines stolzen Bürgertums.
Noch die Schloßstiege hinan, dann war er oben, trat ohne sich umzusehen durch die kühlen Torbogen in die weiten stillen Burghöfe. Eine pochende Unrast stieß ihn vorwärts, beklommen spähte er überall umher, aber kalt und abweisend ragten die mächtigen Quadermauern, schauten gleichgültig über ihn weg und ließen sich nicht nahe kommen. Und als er vor dem Veitsdom stand, da wuchs auch dieser hart vor ihm trotz der leicht aufstrebenden Schlankheit der Rippen, der wunderlich verzerrten Fratzen der Wasserspeier ruhig und sicher in die Luft hinauf, wie ein Gebirge aus Stein und Stille.
Verzweifelt lief Hellwig von einer Örtlichkeit zur andern, ein ohnmächtiger Zorn war in ihm, daß ihn ein Menschenwerk so klein machen durfte, er wehrte sich dagegen und spürte doch, wie er dieser unfaßbaren Größe mehr und mehr unterlag.
Da fand er sich unversehens an einem seltsamen Orte. Bunte Häuschen waren da, so klein, daß er mit der Hand den Dachsims fassen konnte, eines neben dem andern, mit Türchen und Fensterchen, wie von Zwergen für Zwerge geschaffen. Er war in das Alchimistengäßchen geraten. Und wie er näher zusah und wie ihm einfiel, daß der zweite Kaiser Rudolf mit seinen Magiern, Goldmachern und Sterndeutern hier hausete, da — atmete er leicht auf.
Hier war etwas menschlich Warmes, eine Schwäche, ein mildes Licht, das auf die riesenhaften Prachtbauten hinüber leuchtete und ihnen allen Schrecken nahm. Tief unten lag die Stadt, zu beiden Ufern des Stroms hingebettet, ihre hundert Türme und Kuppeln und Türmchen leuchteten, blitzten und funkelten in der Sonne — und wer von hier hinabschaute mit dem Bewußtsein des Herrschers, dem konnte wohl zumute sein, als stände er berghoch über all den geduckten Siedelungen, über all den ameisenklein wimmelnden Menschen im flachen Lande und könnte sie zertreten mit stampfendem Fuß nach Lust und Laune. Darum schuf er sich und seinem schrankenlosen Machtgefühl den unnahbar stolzen, riesenhaften Bau auf steiler Höhe, fern von allem Menschentreiben und der Sonne näher. Doch siehe — dicht daneben, versteckt und heimlich, stellte er die kleinen, schwachen Hütten auf und trug aus der stolzen Burg sein schwaches, kleines Menschentum dorthin, wenn es ihn zu quälen anfing. Bei abergläubischem Spuk und geraunten Zaubersprüchen suchte er daran zu vergessen, aus glühenden Gemengen in absonderlich geformten Retorten sollte der hilflosen Ohnmacht ein Mittel zur Allmacht erstehen, im gelassenen Lauf der Gestirne nach der Zukunft forschend, wollte der Blinde sehend und wissend werden.
So standen diese Häuschen als rührende Zeugen menschlicher Ohnmacht, die vergebens über ihre Grenzen tastet, und so wirkten sie befreiend und versöhnend auf Hellwig. Plötzlich war ihm Burg und Dom vertraut geworden. Der Gewalt des ersten Eindrucks entronnen, bemerkte er jetzt überall heimliche Schönheiten und anheimelnde Winkel, vom Zauber der Romantik überhaucht. Ganz glücklich wurde er darüber. Und jedesmal, wenn später wieder ein scheinbar unbegreiflich großes Menschenwerk lähmend auf ihn wirken wollte, mußte er an die kleinen Alchimistenhäuschen denken und lächelte leise fröhlich dabei.
2.
Pichler hatte sich für die Juristerei entschieden, während Hellwig nicht so ohne weiters schlüssig werden konnte. Zwar segelte er vorläufig ebenfalls unter der Flagge der Rechtsgelehrsamkeit, besuchte indes auch zahlreiche philosophische und naturwissenschaftliche Vorlesungen und wollte sich erst nach dem ersten Semester endgültig entscheiden.
Bald sah er ein, daß er sich mit dem römischen Recht nie werde befreunden können. Die nüchterne Sachlichkeit desselben lief seinem nachdenklichen Wesen schnurstracks zuwider. Er begann das Kolleg zu schwänzen, saß während der so gewonnenen Zeit lieber in der Universitätsbibliothek. Gedrängt durch die Fülle der Erinnerungen, die sich ernst und eindringlich allerorten in der Stadt aufzeigten, begann er hier ein eifriges Geschichtsstudium und bemühte sich außerdem einen Überblick zu gewinnen über die Entwicklung der Kulturen und über die Verfassungen der Völker. Auch an den Nachmittagen verweilte er gern in dem hohen, wölbigen Saal, wo es so flüsternd leise herging, die Diener mit schweren Bücherpäcken nur auf den Zehen hinter den Stuhlreihen umherschlichen und über vergilbte Schmöker gebeugt, junge und alte Leute emsig lasen oder Auszüge machten. Das Rascheln der starken Pergamentblätter, das Knistern des Papiers und das Gekritzel der Bleistifte gab eine gute, zu geistiger Sammlung ladende Melodie. Im Flug vergingen ihm die Stunden, und nach seiner Meinung gewöhnlich viel zu früh stand der Diener hinter ihm mit der höflich-leisen Einladung, Schluß zu machen, weil gleich gesperrt würde. Wohl entlieh er sich auch Bücher und trug sie in seine Wohnung. Aber dort war abends an ein ernstes Arbeiten nicht zu denken.
Nebenan in der großen Stube fand sich täglich die geräuschvolle Quodlibetpartie zusammen. Pichler war jetzt einer der fleißigsten dabei, denn er hatte dem Spiel Geschmack abgewonnen und pflegte es mit dem gleichen geschäftsmäßigen Eifer, den er tagsüber auf sein Studium verwendete. Aber auch der einsame Bücherwurm im Nebenzimmer blieb nicht unbehelligt. Jede halbe Stunde steckte die Wondra den Kopf zur Tür herein und forderte ihn auf, mit ihnen lustig zu sein. Oder es erschien der Philosoph und erlaubte sich eine spezielle Blume. Und wenn Karg zu Hause war, kam er ebenfalls und wich nicht, bis Hellwig endlich aufstand und sich den fröhlichen Zechern zugesellte. Dann bemühte sich Karg so gewinnend als möglich zu sein. Denn die zwei strammen Neuberger gefielen und schienen ihm der Fuchsenehre würdig bei der Landsmannschaft Herminonia, der er selbst angehörte. Grün-weiß-rot waren die Farben, unentwegt und immerdar judenrein, arisch-deutsch die Mitglieder, gewaltig ihre Leistungen im Vertilgen des bräunlichen Gerstensaftes, und mit neidvoller Bewunderung erzählte man sich in den anderen Verbindungen von den ungezählten Halben, die auf den Herminonenkneipen die schwitzenden Kellner herbeischaffen mußten.