Unvermutet fand sich Fritz allein in der Fensternische. Niemand fragte oder kümmerte sich um ihn, und es war ihm ganz recht so.

Die Fenster des hoch gelegenen Zimmers gaben Ausblick in einen engen Hof und jenseit desselben über ein Gewirr von Dächern und Türmen und Giebeln, die in dem silberblauen Glanz der Mondnacht schimmernd ruhten. Und dunkel aus dem sanften Glanz herausgehoben, wuchtete darüber der Hradschin und trug den mächtigen Dom wie eine schwere, stolze Krone. Oben wanderten und neigten sich die Sterne, unten lag die Stadt von den beweglichen Wellen des Mondlichts umspielt, — und inmitten stand der alte Königsitz, aller Nähe und Ferne entrückt, in immer gleicher, steinerner Ruhe stumm, dunkel und geheimnisvoll.

Sonderbar ergriffen schaute Fritz auf dieses Märchen, das Glanz und Nacht und Stille um einsam thronende Größe woben. In der Stube lärmten und lachten die Zecher. Er achtete nicht darauf. Sehnsucht nach Arbeit überkam ihn, nach einer schöpferischen Tat, an der er seine Kräfte erproben, ermüden, ausgeben könnte. Und noch als die übersättigten Trinkkumpane schon längst in dumpfen Schlaf versunken waren, lag er wach und sehnte sich nach einer Aufgabe, riesenhaft gleich der gewaltigen Königsburg, die von Menschenhänden über eine ganze große Stadt gestellt, sie machtvoll und unnahbar beherrschte.

Aber er fand nicht, was eigentlich diese Aufgabe sein sollte, und mit schmerzendem Schädel schlief er endlich ein.

In der Klarheit des nächsten Morgens, der über einen tiefblauen Herbsthimmel eine silberweiße Sonne heraufleitete, erwachte er freier, als er sich niedergelegt hatte, kleidete sich rasch an und eilte auf die Gasse. Es trieb ihn zu den Stätten, die aus der Ferne solchen Eindruck auf ihn gemacht. Er wollte sie durchforschen, erobern, ganz in sich aufnehmen wollte er sie und zugleich sehen, ob auch im nüchternen Schein des Tages der drückende Zauber bestehen blieb.

Mit niedrigen Türen und kleinen Fenstern unter zerbröckelten Gesimsen standen unten in der engen Gasse schmalbrüstige Häuser, mit verrußten Mauern und vorspringenden Dächern drängten sie sich aneinander, alt, müde, eins das andere stützend und alle vom leisen Abglanz toter Jahrhunderte traurig umwittert. Unverändert standen sie so, ließen die Jahre vorübergehn, und wenn aus einem der dicken Gemäuer eine neue Öffnung herausgebrochen, eins der vielen Trödlergewölbe, wo von altersher die armen Juden ihren Handel trieben, in ein dürftiges Lädchen mit einem Auslagfenster umgestaltet wurde, ging es die Gasse entlang wie raunende Verwunderung ob solch unerhörten Eindringens einer andern Zeit.

Als Fritz hinabkam, hatte trotz der frühen Stunde das geschäftige Leben bereits begonnen. Mit schlau-vertraulichen Verneigungen grüßten ihn die jüdischen Händler, riefen ihm verständnisvoll lächelnd ein paar leise Worte zu, auf ihren angehäuften Plunder deutend, in der Hoffnung, daß er ihnen etwas abkaufen oder in Pfand geben werde. Langsam ging er in der Richtung, wo er den Hradschin vermutete, vorwärts. Seine Schritte hallten laut in der engen Häuserschlucht, darüber ein schmales Streifchen Himmel war und ein wenig vom erstarkten Sonnenschein, der die Giebel vergoldete, ohne daß seine Quelle dem Auge sichtbar wurde. Und Gasse folgte auf Gasse, kreuz und quer. Stille Winkel waren da, unregelmäßige Plätzchen und dunkle Sackgassen, in denen die Häuser geduckt und wie furchtsam verkrochen standen, als hörten sie noch den Lärm der Verfolgungen, schauderten vor dem warmen Blut, das in Zeiten unduldsamen Glaubenseifers auf ihren Dielen verdampfte, an ihre Wände spritzte, in roten Bächen über die finstern Treppen rann.

In dem Durcheinander des gleichförmig engen und schmutzigen Winkelwerks hatte Fritz bald jede Orientierung verloren und mußte sich endlich entschließen, einen Vorübergehenden nach dem Weg zu fragen. Der aber maß den deutschen Studenten mit einem feindseligen Blick, brummte ein paar tschechische Worte und gab keine Auskunft. Einigermaßen betreten ging Hellwig weiter, und das beklemmende Gefühl, als sei er in ein verschollenes Jahrhundert zurückversetzt, wurde stärker. Da kam ein weißbärtiger Hebräer, der in seinem Gewölbe den Vorfall mit angesehen hatte, auf ihn zu, dienerte und erkundigte sich in einem sonderbar harten Deutsch nach seinen Wünschen. Fritz sah auf das freundliche Männlein, das mit hohem Hut, fuchsigen Schaftstiefeln und schmierigem Leibrock vor ihm in der Häuserschlucht stand und vermißte — er wußte nicht, wie ihm das in den Sinn kam — die steife blaue Halskrause, die die böhmischen Juden noch im siebzehnten Jahrhundert auf der Straße tragen mußten. Doch zwang er sich in einem energischen Aufraffen des spukhaften Traumzustandes Herr und der Gegenwart wieder gerecht zu werden, brachte sein Anliegen vor und erhielt umständlichen Bescheid.

Er bedankte sich, durchschritt noch einige Gassen und gelangte endlich zur Karlsbrücke. Vor ihm rollte, um Inseln, Mühlen und Brückenpfeiler brodelnd, mit braun dunklem Wasser der breite Strom, drüben baute sich Giebel über Giebel mit Kuppeln und Türmen und Zinnen die Kleinseite auf, und darüber ruhte, durch einen herbstlich goldigen Gartenwall geschieden, breit und wuchtig der Hradschin, in der Klarheit des Tages gleich hoheitsvoll und unnahbar wie im trüglichen Dämmer der Mondnacht. Nur die Linien waren schärfer und bestimmter die gewaltige Majestät, die der Veitsdom krönte, der im Panzer seines Gerüstwerks stumm und dunkel vor dem blauen Himmel stand.

Keinen Blick hatte Fritz für die altertümliche Schönheit des Platzes, auf dem er sich befand, für den Auslug durch zwei Torbogen zum langgestreckten Moldaukai hinab, für die Türme und steinernen Bildwerke der berühmten Brücke. Unverwandt schaute er zur Burg hinüber, deren lautlose Größe ihn quälte und erdrückte.