Er weiß es wahrlich! Oder — weiß auch er’s nicht?“


Zweites Buch

1.

Im Oktober kamen Hellwig und Pichler nach Prag und nahmen Quartier bei der Frau Wondra, die in zwei Zimmern fünf Hochschülern Wohnung und Verpflegung gegen ein sehr mäßiges Entgelt gewährte. Sie war die Witwe eines Unteroffiziers, der ein starker Pfeifenraucher gewesen war und ihr außer einer kleinen Pension nichts hinterlassen hatte als dreißig Pfeifen von der billigsten Sorte, mit langen und kurzen Rohren, mit Gips-, Holz- und bemalten Porzellanköpfen, alle wohleingeraucht und arg mitgenommen. Als sich für die duftende Sammlung kein Käufer finden wollte, tat es der sparsamen Hausfrau leid, sie unbenützt verstauben zu lassen, weshalb sie sich auf ihre alten Tage selbst das Rauchen angewöhnt und es hierin noch jedem ihrer jungen Mieter zuvorgetan hatte. Da sie kahl war, trug sie sommers und winters dieselbe große Haube aus braunem Taft, die den Schädel und die Ohren zudeckte und für das gelbe Gesicht einen kreisrunden Rahmen abgab. Was auf dem Kopf an Haaren zu wenig, wuchs dafür in gedoppelter Fülle als Schnauzbart unter der Nase, die zum Himmel strebte, als wollte sie sich in beleidigtem Stolz vor so unfraulicher Zierde zurückziehen, worüber sich hinwiederum zwei kleine graue Schlitzäuglein anscheinend sehr belustigten, weil sie fortwährend zwinkerten und blinzelten. Doch je ungeschlachter ihr Aussehen, je derber ihre Rede war, desto milder und lockerer gerieten ihr die Mehlspeisen, die Buchteln, Dalken, Nudeln und Kolatschen, mit denen sie für das leibliche Wohl ihrer Studenten sorgte. Aber auch das Seelenheil der jungen Leute war ihr nicht gleichgültig, und um die schwankende Jugend vor Abwegen zu bewahren, suchte sie ihre Kostkinder abends an das Haus zu fesseln, indem sie mit ihnen Schafkopf spielte oder ein Quodlibet um ein beschränktes Bierquantum.

In dem größeren der beiden Zimmer wohnten bereits seit einigen Semestern der Astronom König, der Philosoph Fundulus und der Mediziner Karg, alle drei schon bemoostere Häupter, die sich bei der Wondra zufällig gefunden und trotz ihrer verschiedenen Neigungen Freundschaft geschlossen hatten.

Diese Freundschaft pflegte regelmäßig auch auf die rascher wechselnden Mieter der anderen Stube ausgedehnt zu werden, und schon am Abend nach ihrem Einzug erhielten Fritz und Otto unter Führung der Wondra den Besuch der Zimmernachbarn. Die Quartiersfrau trug sechs Tabakpfeifen, der Mediziner den großen Bierkrug, der Philosoph den Tabaktopf und der Astronom die abgegriffenen Spielkarten. Würdevoll überreichte die Wondra den neuen Pfleglingen zwei Rauchwerkzeuge zur ausschließlichen Benützung für die Dauer des Mietverhältnisses und gegen die Verpflichtung, nach einer bestimmten Reihenfolge abwechselnd mit den übrigen für die Füllung des Tabakbehälters zu sorgen.

Nach dieser feierlichen Handlung wurde ihnen eröffnet, daß man gesonnen sei, sie in die Hausgemeinschaft Wondra aufzunehmen und solche Ehre festlich zu begehen mit Hilfe eines Viertelhektoliters Bier, den die Aufgenommenen nach Brauch und Fug zum besten geben mußten.

Mit großem Hallo wurde das Faß aus der Schenke geholt, worauf ein mächtiges Gelage anhob, in dessen Verlauf der Mediziner mit der bärtigen Witwe einen Hopser tanzte, daß die Dielen dröhnten und die Haube in greuliche Unordnung kam. Des Philosophen dagegen, der eine sehr verliebte und schwärmerische Wesenheit war und nicht viel vertragen konnte, hatte sich bald eine weinerliche Stimmung bemächtigt, in der er Pichlern von seiner Liebsten daheim erzählte und ihre Treue in Zweifel zog, um sich sogleich wieder wegen des schimpflichen Verdachtes die bittersten Vorwürfe zu machen.

Fritz saß mit König, einem unentwegten stillen Zecher, beim Fenster und hielt durch einsilbige Bemerkungen ein notdürftiges Gespräch mühsam im Gange. Doch wurde das dem Sterngucker bald langweilig. Er stand auf und gesellte sich dem Philosophen zu, den er durch eine Bemerkung über die Minderwertigkeit des Weibes rasch in Harnisch brachte und in der anschließenden erregten Auseinandersetzung mit Brocken aus Schopenhauer kräftig bombardierte.