Während der zwei Sturmtage hatte auch Pichler die Wohnung nicht verlassen. Doch hielt er sich nicht in seiner eigenen Stube auf, in die leichtlich von der Gasse ein Stein hätte fliegen können, sondern vertrieb sich im Hofzimmer die Zeit, so gut es ging, indem er mit der Wondra Mühle spielte, meistens aber rauchend mit gekreuzten Beinen im Lehnstuhl des Astronomen saß und nicht zum Hradschin, sondern den Leuten des gegenüberliegenden Hauses in die Fenster schaute. Das behagte ihm je länger, je besser, da es zumeist dienstbare weibliche Wesen waren, die er zu Gesicht bekam und die in hofseitigen Küchen und Kammern tagsüber mit den Hausfrauen um die Wette geschäftig sich regten, in einsamer Frühe mit Hemd und Unterrock bekleidet sich die Haare ordneten und abends auch noch die Röcke auszogen, um sich rasch zu reinigen, bevor sie die Lämpchen verlöschten.
Die Wondra störte ihn nicht in diesem beschaulichen Treiben. Wohl hockte sie rauchend, schwatzend und strickend im selben Zimmer, aber sie schaute meist auf den Wollschlauch, der unter den klappernden Nadeln zusehends wuchs und hatte durchaus nicht acht, wohin unterdessen ihr Mietsmann die Blicke wandern ließ.
Von den Vorfällen der letzten Tage wußte sie die übertriebensten und blutrünstigsten Geschichten zu erzählen, mit einer Anschaulichkeit, als wäre sie überall mit dabeigewesen. Dazu lebte sie in der beständigen Angst, daß auch ihr die Stuben geplündert werden könnten, weil sie Deutsche beherbergte; deswegen begab sie sich sehr zeitig zu Bett, als ob, wenn sie schlief, auch alle anderen das gleiche tun und sie in Ruhe lassen müßten. Vorher jedoch verwahrte sie ihre Wohnung auf das sorgsamste, und Pichler mußte ihr jeden Abend beistehen, wenn sie den Eingang mit dem Küchenkasten verrammelte und zur Sicherheit noch ein paar Sessel darauftürmte. Erst dann kroch sie beruhigt in die Federn, während Otto, nunmehr mit einem Fernrohr des Sternguckers, wieder im Lehnstuhl Platz nahm, zuvor aber die Lampe zurückschraubte, um zu verhüten, daß die ahnungslosen Mägde ihn erblickten und durch Herablassen der Rollvorhänge dem angenehmen Schauspiel ein Ende machten.
Von Fenster zu Fenster ließ er sein Perspektiv wandern, und da bemerkte er in einem hellen Kämmerlein auch ein junges Frauenwesen, das dort an der Nähmaschine saß und unablässig weiße Leinwandflächen unter die Nadel schob. Ganz deutlich sah er das reine Profil und den nackten, schlanken Hals, der sich in einer anmutigen Linie hinter der Hausjacke verlor, alles vom Lichte der seitlich stehenden Lampe voll beleuchtet. Das gefiel ihm aus der Maßen wohl.
Am nächsten Morgen erwachte er erst spät. Sein erster Blick galt wieder jenem Fenster; da stand die fleißige Näherin im geöffneten Rahmen fertig angezogen und beutelte aus einem Flanelltüchlein eine Wolke Staubes in die Luft hinaus. Wie ein freundliches Winken war das, und Otto winkte zurück, indem er lächelnd die Hand gegen das Fräulein bewegte. Darüber erschrak dieses ein wenig, betrachtete aber den hübschen Jungen mehr erstaunt als entrüstet. Nun wagte er es und warf eine Kußhand hinüber. Sie lachte ein ganz kurzes Lachen in hohen Kehltönen, nickte, drehte sich auf dem Absatz herum, und ihr Rocksaum wehte, während sie im Dunkel des Zimmers verschwand. Aber nach einer Weile kam sie wieder und blieb jetzt schon länger beim Fenster.
Schimmernde Fädchen spannen sich, von einem Fenster zum andern zogen sie sich wie helle Seide oder leichte Sonnenstrahlen, auf denen die verliebten Jugendgeisterchen ein lustiges Seiltanzen begannen mit halsbrecherischen Sprüngen und Nicken und Neigen. Zag oder mutig, ängstlich oder keck trippelten, tollten sie hinüber, herüber, bis hinter der lichten Mädchengestalt eine rundliche Frau mit gestrenger Miene auftauchte, worauf die männliche Geisterschar kopfüber in den Hof purzelte, die weibliche aber in den tiefblauen Winterhimmel hinein lachend davonschwebte.
Es war, wie Otto gleich vermutet hatte und von der Wondra bestätigt erhielt, die Mama gewesen. Die Wondra wußte auch, daß sie einen kleinen Postbeamten zum Mann und zwei Töchter besaß. Die ältere sollte in einigen Wochen Hochzeit machen und ließ sich, während sie mit Eltern und Bräutigam bei Freikonzerten und in Vergnügungslokalen ihre abendliche Unterhaltung suchte, von der jüngeren Schwester, der braven Helenka, die Aussteuer fertig nähen.
Pichler wich den ganzen Tag nicht von seinem Lauscherposten und nahm sich kaum zum Essen Zeit. Indes zeigte sich die Helenka erst abends wieder in jenem Gemach, und mit verliebten Augen betrachtete er die runde Anmut ihrer Bewegungen, wie sie flink und leicht in dem Leinwandhaufen herumwirtschaftete. Er nahm die Lampe und stellte sie beim Fenster so auf, daß ihr Schein auf ihn fallen mußte. Dann warf er wieder eine Kußhand hinüber. Da ließ sie die Hände in den Schoß fallen, lehnte sich in dem Stuhl zurück und lachte ausgelassen. Er lachte auch, winkte und verneigte sich. Sie winkte wieder, war blutrot und lachte fort, bis sie plötzlich ihre Arbeit zusammenpackend, nun ihrerseits die Hand an die Lippen legte und mit den geküßten Fingerspitzen durch die Luft fuhr, worauf das Licht blitzschnell erlosch.
Mit glänzenden Augen schaute Otto auf das dunkle Fenster, rieb sich die Hände, schnippte mit den Fingern und freute sich unbändig. Doch hinderte ihn das nicht, nachher andächtig dem Treiben der schläfrigen Mägde zuzusehen und hierauf selbst einen gesunden Schlaf zu tun, den vergnügliche Träume begleiteten.
Durch ein lautes Krachen wurde er mitten in der Nacht unsanft geweckt. Gleich darauf kam die Wondra im Barchentunterrock mit einem Angstgezeter in sein Zimmer gestürzt. Denn sie vermutete nichts anderes, als daß ihre Landsleute bei ihr einbrechen und für den Volksverrat Rache nehmen wollten. Auch Otto mochte Ähnliches erwarten und machte ein bängliches Gesicht. Da erhob sich draußen mächtiger Gesang: „Raus da! Aus dem Haus da! Rrraus! Rrraus! Rrrraus!“