Karg, König, Fundulus und Hellwig waren heimgekehrt und hatten sich, da die Tür nicht nachgeben wollte, mit vereinten Kräften dagegen gestemmt, so daß die Stühle polternd von dem Küchenkasten fielen und dieser selbst ins Wanken kam. Nun verwandelte sich das Angstgezeter der Witwe in einen Freudenlärm. Trotz der ungewöhnlichen Stunde wollte sie zur Feier der glücklichen Wiedervereinigung ein kleines Gelage veranstalten bei schwarzem Kaffee mit Rum und bei Flaschenbier, das sie in der kühlen Jahreszeit stets in genügender Menge vorrätig hielt. Die Studenten jedoch wollten erst wieder einmal ordentlich ausschlafen, bedankten sich und vertrösteten die unternehmende Kostfrau auf eine gelegenere Zeit. Ungern gab sie nach, wünschte zuvor wenigstens noch die Erlebnisse ihrer Mieter sogleich zu erfahren und ermüdete nicht im Fragen, bis Karg die wohlbeleibte Dame nicht gerade sanft in ihre Kammer zurückbeförderte und die zugeschlagene Tür den rauschenden Redeschwall vorläufig staute.
Weniger als die Hauswirtin war Pichler über die Ankunft der Stubengenossen erfreut, weil dadurch das begonnene Schäferspiel unliebsam gestört wurde. Indes, die Sache war bereits eingefädelt und spann sich ohne Schwierigkeiten weiter. Am nächsten Vormittag erwartete er die Helenka bei ihrem Haustor und hatte die Genugtuung, daß sie ihn erkannte und im leichten Schreiten mehrmals zurückblickte, ob er ihr nachfolgte. Dies tat er denn auch in angemessener Entfernung. Nun er sie im Straßenkleid sah, erschien sie ganz anders und gefiel ihm fast noch besser. Sie war ziemlich groß, von reichen, vollen Formen, die durch ein straff gezogenes Mieder unter einem kurzen Jäckchen und einem knappen Rock ohne Falten aufs günstigste zur Geltung gebracht oder vielmehr diskret unterstrichen wurden. Eine weiße Matrosenmütze, von einem silbernen Pfeil gehalten, saß keck auf einer Fülle dunklen Gelocks, an den leise schaukelnden Hüften wiegte sich ein gewaltiger Henkelkorb im Takte mit. So schritt sie rasch und resch mit schnellen Schritten vor ihm her, stramm aufgerichtet und sehr selbstbewußt im Gefunkel ihrer jungen Schönheit.
Als sie ihre Einkäufe besorgt hatte und mit gehäuftem Korbe heimging, fragte Pichler mutig, ob er sie begleiten dürfe. Sie bejahte verlegen. Aber als er sich vorgestellt hatte, begann sie sogleich ein lebhaftes Schwatzen über ihre Näherei, ihre Familie und die bevorstehende Hochzeit, über die winterliche Kälte und über viele andere Dinge in dem kleinbürgerlichen Bestreben, das Gespräch nicht ins Stocken geraten zu lassen. Fast ganz allein bestritt sie es, in einem etwas holprigen und mühsamen Deutsch. Aber Pichler fand auch die Fehler reizend, die ohne alle Ziererei neckisch wie Flocken von den schmalen Lippen fielen.
Von nun an traf er sie täglich, einmal am Vormittag, einmal gegen Abend, je nachdem sie Zeit hatte. Die Stunde gab sie ihm bekannt, indem sie dicke Ziffern mit Tinte auf Papierblätter malte und gegen die Fensterscheiben hielt.
Die Stadt hatte wieder ihr gewöhnliches Aussehen, die Erregung schien verbraust, friedlich bewegte sich jede der feindlichen Nationen auf ihrem Bummel, die Deutschen auf dem Graben, die Tschechen auf dem Roßmarkt und in der Ferdinandsstraße. Otto zeigte sich mit Helenka bald da, bald dort, und je nachdem, wo sie gingen, sprach er deutsch oder böhmisch mit ihr. Denn er hatte sie gebeten, ihm in der Erlernung der zweiten Landessprache behilflich zu sein, und so war dieser Liebeshandel nicht nur reizvoll, sondern auch praktisch.
Sie war eine Vollblut-Tschechin und machte kein Hehl aus ihrer Gesinnung, was sie aber nicht hinderte, auch an hübschen deutschen Männern Gefallen zu finden. Doch war ihre Gunst nicht leicht zu erringen, denn sie war sich ihrer Schönheit voll bewußt und konnte wählerisch sein, weil sie von vielen umworben wurde. Am wenigsten verfingen Schmeicheleien bei ihr, da sie solche schon bis zum Überdruß zu hören bekommen. Das hatte Pichler bald weg und änderte im selben Augenblick von Grund aus seine Kriegskunst. Er wurde kurz angebunden, derb, sogar grob. Alles, worauf sie Wert legte oder sich was einbildete, setzte er herab, mäkelte daran und tadelte es, wählte aber seine Ausdrücke derart bedachtsam, daß er immer nur eine allgemeine Ansicht zu äußern schien. Erzählte sie, stolz auf ihre prächtige Büste, daß sie auf dem letzten Ball ein ausgeschnittenes Kleid nur mit Armspangen getragen und was für Aufsehen sie erregt habe, tat er höchst gleichgültig und bemerkte nur beiläufig, er habe einmal aus einem ähnlichen Anlaß mit einem Mädchen sich überworfen, das er gleicherweise, wie es ihn, sehr gut leiden mochte. Er habe damals mit der Schönen nicht ein einziges Mal getanzt, und als sie Aufklärung verlangte, habe er ihr nur kurz geraten, sie möge auf den Markt gehen und sich dort ausstellen; er werde sie begleiten und wie ein Pferdehändler die gediegene Wölbung der Brust anpreisen, die tadellosen Arme, Schenkel und so weiter. Er habe sich nicht anders helfen können damals, denn diese Schaustellung der Reize sei ihm widerlich gewesen, und gewohnt, mit seiner Meinung nicht hinterm Berg zu halten, habe er eben klipp und klar herausgesagt, was er sich dachte.
Danach hatte die Helenka auf dem ganzen Heimweg kein Wort mehr geredet, aber er war dennoch mit seiner Erfindung und ihrer Wirkung sehr zufrieden. In der Tat blieb diese Art des Umgangs nicht ohne Eindruck bei einem Mädchen, das zwar schön und im Plaudern gewandt, sonst aber just kein Kirchenlicht war. Bald war ihnen der Bummel zu belebt, sie mieden ihn und suchten einsamere Gassen, wo es die Helenka schweigend litt, daß er ihren Arm packte und mit hastiger Zärtlichkeit an sich drückte. Und einmal, als sie von einem ernsten Bewerber erzählte, der auf der Bildfläche erschienen war, riß er sie heftig an sich. „Helenka, so lasse ich dich keinem andern!“ Mitten auf der Gasse küßte er sie und kümmerte sich nicht um ihr Sträuben und nicht um die Leute.
Von nun an trugen sie das heimliche Sehnen ihrer klopfenden Herzen in noch größere Abgeschiedenheit. Eng aneinander gedrängt gingen sie längs des Moldauufers spazieren, über einen weiten ebenen Plan, wo das geflößte Brenn- und Bauholz aus dem Böhmerwald aufgestapelt war. Gute Verstecke gab es hier, die zu Raummetern geschlichteten Scheite waren wie Mauern und die glatten Stämme der toten Waldriesen wie Bänke. Ganz dunkel war es und nichts war hörbar, als das Glucksen und Plätschern, wenn eine stärkere Welle gegen das sandige Ufer schlug. In der Ferne blitzten die Lichter der Stadt und lagen in gelben Streifen über den schwarzen Fluten, ein schrilles Läuten der Straßenbahn kam herüber, eine Turmuhr schlug mit langsam verhallendem Klang — dann war wieder nichts als das dumpfe Rauschen im Fluß. Als wären sie beide allein auf der Erde, so war das und so gab sich die Helenka dem Werbenden. Sie tat es ohne Lüsternheit oder Neugierde, als schenkte sie ihm nur, was ihm gebührte, weil es für ihn allein in dieser dunkeln Einsamkeit aus ihrem jungen Herzen emporgewachsen war.
Dann aber starrte sie ihn, die Hände auf seinen Schultern, mit entsetzten Augen an und stieß ihn wild von sich.
„Mein armer Vater!“