Ganz klanglos sagte sie das und wiederholte es mehrmals und wimmerte leise.

Otto stand ratlos und wußte nicht, wie er sie beruhigen sollte. Sie tat ihm nicht so sehr leid, er war mehr ungehalten, daß sie ihm jetzt diese Szene machte und die Freude verdarb. Plötzlich aber erhob sie sich mit einem entschlossenen Ruck und drückte sich unter der runden Mütze das Haar an den Schläfen zurecht. „Komm!“ sagte sie nur und schritt ohne Aufenthalt schnell gegen die Stadt. Sie weinte nicht mehr, aber sie sprach auch nicht. Stumm ging sie neben ihm her. Manchmal atmete sie in ihr Taschentuch und preßte es an die geröteten Lider, um die Spuren der Tränen auszutilgen. Aber durch die Stadt schritt sie wieder ganz aufrecht, mit frei erhobenem Kopf und wagerechtem Kinn. Otto wollte etwas sagen. Mit einer heftigen Handbewegung winkte sie ihm Schweigen. Sie wollte nicht gestört sein in dem Belauschen ihrer aufgeschreckten Seele und dem staunenden Hineinhorchen in den Aufruhr des Blutes. Beim Haustor neigte sie flüchtig den Kopf und schritt rasch und fest hinein, ohne ein Wort oder Lächeln zum Abschied.

Er atmete auf. Seiner jubelnden Siegerfröhlichkeit war der stumme Heimweg zur Qual geworden. Alles in ihm drängte nach lauter, lärmender Freude. Und statt dieser Luft machen zu dürfen, hatte er mit einer Leichenbittermiene neben ihr hergehen und seufzen müssen, wo er jauchzen wollte. Er lief mehr als er ging in die Herminonenkneipe, trank dort, sang und schwärmte übermütig mit den Füchsen bis zum Morgengrauen.

Am nächsten Vormittag stand die Helenka wieder beim Fenster und kündete mit ihren Tintenziffern die Stunde des Stelldicheins. Und von nun an war alles gut, und sie war lustig und fügsam und sehr verliebt.

5.

Das Wintersemester war vorüber. Fritz war wenig vorwärts gekommen. Durch den Verkehr mit den Studenten war er einem gelinden Trinken anheim gefallen und der Gewohnheit, abends lang im Wirtshaus zu sitzen. Anfangs hatte er sich Vorwürfe gemacht und zu bremsen versucht. Aber da kamen ihm die Bekannten auf die Bude gerückt, und notgedrungen mußte er als ihr Vertrauensmann mithalten. Später schwächte der reichlichere Genuß des Alkohols seine Widerstandskraft, das Trinken wurde ihm sogar Bedürfnis, um die Lustlosigkeit zu bannen, in der er jetzt wie in einer halbhellen Dämmerung lebte. Er ging spät zu Bett und stand mit wüstem Kopf spät auf, fühlte sich müde, leer, unzufrieden und konnte sich doch zu keiner ernsten Arbeit zusammenraffen, ließ vielmehr den Herrgott einen guten Mann und fünf gerade sein.

Seine Barschaft schmolz bei diesem Leben rasch. Während Otto schon drei Mittelschülern Nachhilfeunterricht erteilte, war es ihm bisher nicht geglückt, Ähnliches aufzutreiben. Überall wurde er abgewiesen. Der Vermerk auf seinem Zeugnis, daß er vom Neuberger Gymnasium ausgeschlossen worden war, machte fürsorgliche Eltern stutzig; sie wagten nicht, ihm ihre Kinder anzuvertrauen. Und er war zu hölzern und zu stolz, um sein Licht auf den Scheffel zu stellen oder als Vertrauensmann seine Beziehungen zu den Parteigrößen auszunützen. Da las er in einer Zeitung, daß ein Rechtsanwalt einen Schreiber für die Nachmittage suchte. Er bewarb sich um den Posten und erhielt ihn. Das brachte ihn noch mehr aus der Bahn. Trüb und trostlos eintönig schlichen die Tage neben ihm her, zwischen stumpfsinnigem Wirtshaushocken am Abend und gleichgültiger Mattigkeit am Morgen war einer wie der andere ausgefüllt mit dem Schreiben von Mahnbriefen, Klagen, Pfändungsgesuchen, und alle waren sie verloren.

Hätte er ein gemütliches Daheim oder wenigstens eine ruhige Kammer gehabt, er wäre vielleicht eher aus diesem grauen Netz herausgekommen, in dem er hing wie die Fliege im Spinngewebe und sich wehrlos den Lebensmut austrinken ließ. So aber fühlte er einen Ekel vor dem Treiben der Wondra. Er floh davor und floh vom Teufel zum Beelzebub — in die Kneipen und Kaffeehäuser. Manchmal kam ihm in diesen jammervollen Monaten der Gedanke an Eva. Aber wenn dieser jemals treibende Kraft für ihn gehabt, so hatte er sie jetzt verloren. Wie wenn einer, der im zähen Moorgrund langsam versinkt, zu einem schönen Stern hinaufblickt und sich denkt: ‚Den siehst du auch bald nicht mehr!‘ — so war es und machte ihn traurig und jeden Halt nahm es ihm.

Bei den Studenten war er gut gelitten. Er galt als treu und verläßlich, und die trockene Sprödigkeit, die er im Umgang an den Tag legte, wurde von den jungen Leuten als Zeichen männlicher Reife und Wahrhaftigkeit genommen und hochgehalten. Aber je mehr man sich um ihn riß, je scheuer und zugeknöpfter wurde er. Er litt unter diesem Leben ohne Inhalt, das um so leerer wurde, je weiter die hellen Kampftage in die Vergangenheit zurücksanken. Rasch wie die Fehde entbrannt, war sie auch vergessen und die Gegenwart wieder angefüllt mit Kneipen, Nachtschwärmen und Raufereien unter den einzelnen Verbindungen. Und er zechte und schwärmte mit und wenn er noch in keinen Ehrenhandel verwickelt worden war, so hatte er das nur seiner Wortkargheit zu danken.

Schal war das alles, belanglos und nichtswürdig. Aber loskommen konnte er doch nicht.