In die Hörsäle kam er nicht mehr. Er schämte sich, mit schwerem Kopf und stumpfen Sinnen hinzugehen. Statt dessen saß er jetzt auch an den Vormittagen in der Kanzlei. Denn die ungeordnete Lebensweise kostete viel Geld, und schon gab er täglich mehr aus, als er, das Erworbene eingerechnet, verbrauchen durfte. Vom Bureau ging er ins Kaffeehaus, wo er die Tagesblätter und sämtliche ernstere Zeitschriften las, deren er habhaft werden konnte. Gewöhnlich blieb er dort bis spät abends, begab sich dann in eines der Studentenwirtshäuser. Er brachte es nicht über sich, bei der Wondra das Nachtmahl zu nehmen. Sie rechnete auch bei der Zubereitung nicht mehr mit ihm, aber den Kostpreis setzte sie ihm deswegen doch nicht herab.
Dann kamen wieder Abende, an denen es ihm einfach unmöglich war, ein menschliches Gesicht zu sehen. An denen er die Kneipen mied und trotz Frühlingswind und Regenwetter im Freien sich herumtrieb. Den Radmantel um die Schultern, lief er pfadlos am Strand der Moldau herum. Das aufgeweichte Erdreich klebte in Klumpen an seinen Sohlen und machte sie schwer, unter seinen Tritten spritzte ihm das Schmutzwasser der Regenpfützen oft bis ins Gesicht, und nach jedem solchen Ausflug schalt die Wondra, daß seine Kleider nicht sauber zu kriegen seien. Aber immer wieder rannte er in diese tiefdunkle Einsamkeit, als könnte er sich dort vor seinem eigenen Ich verstecken. Aber er entkam sich nicht. Alle Vorwürfe und aller Ekel über sein unwürdiges Treiben gingen unablässig mit ihm durch die Finsternis, und er fühlte nur, daß er sich Stunde um Stunde an sich selbst versündige, indem er in schlaffem Müßiggang seine blanken Kräfte rosten ließ. Manchmal auch packte ihn ein sinnloser Zorn, der ihm Tränen in die Augen trieb. Er schlug mit geballten Fäusten seinen Leib, und je mehr es ihn schmerzte, mit desto wilderer Freude schlug er weiter, auf Arme, Wangen, Schläfen, und höhnte und beschimpfte sich mit häßlichen Worten, die in einem Schluchzen erstickten. Jedes Ziel war ihm entglitten, er ging mit verbundenen Augen um sein Leben herum wie der Gaul im leeren Göpel.
Die nächtlichen Wanderungen führten ihn weit über die Holzplätze hinaus in eine Gegend, wo der neue Hafen erstehen sollte. Die Arbeiten hatten noch nicht begonnen, aber schon waren in der großen Kotwüste Baggermaschinen aufgestellt und neben angehäuften Baustoffen Holzhütten und Verschläge für die Karren und Werkzeuge errichtet worden. Nur selten kam in den Abendstunden ein Mensch hieher. Ihn aber trieb es immer wieder in diese Öde, die so gut zu seiner Stimmung paßte. Stundenlang konnte er dort hocken und vor sich hinbrüten, während der Regen kühl und traurig ohne Pausen auf ihn niederfiel. Und je unfreundlicher das Wetter war, je länger blieb er, als wollte er mit diesem freiwilligen Ausharren in einer Beschwerde nur irgendwie eine sühnende Tat setzen, wenn er schon nichts anderes zuwege brachte.
Da vernahm er einst — es war ein naßkalter Aprilabend — ein Husten und Stöhnen wie von einem unruhigen Schläfer, schaute um sich und gewahrte einen spärlichen Lichtschein, der aus einer der hölzernen Hütten flimmerte. Leise ging er darauf zu. Und wie er vorsichtig durch die Fugen der Bretterwand spähte, sah er im Innern des matt erhellten Raumes zwei Gestalten auf dem bloßen Erdboden hingestreckt, während drei andere neben einem Feuer kauerten und einem geschlachteten Pudel das Fell abzogen. Das Feuer brannte in einem Viereck aus Ziegelsteinen, und auf diesem Herd stand ein verbogener Blechtopf, darin das Wasser schon zu dampfen anfing.
Die fünf Kumpane mochten wohl schon öfters hier übernachtet haben und schienen sich in ihrem Schlupfwinkel ganz sicher zu fühlen, weil sie sich so sorglos gehen ließen. Gern hätte sich Fritz zu ihnen gesellt. Aber sein Erscheinen hätte sie höchstens beunruhigt oder mißtrauisch gemacht, und helfen konnte er ihnen doch nicht. So ließ er es bleiben.
Das Hundefleisch war gar geworden. Nun wurden auch die Schläfer munter und setzten sich zum Feuer. Alle schwiegen, streckten die Hände nach den rauchenden Fleischstücken, rissen mit den Zähnen große Fetzen los, die sie mit der Hast des Hungers verschlangen. Dazu tranken sie von der gelblich-grauen Fettbrühe mit schmatzenden Lippen, und in ihren knochigen Gesichtern war ein Ausdruck der Zufriedenheit, als säßen sie bei dem alten Schlemmer Lukull zu Tisch. Satt gegessen, kramten sie aus den Taschen die gesammelten Zigarrenstummel, setzten sie in Brand und streckten sich längelang auf den nackten Erdboden aus, die verschränkten Hände als Kissen unterm Kopf. Einer hatte auch eine gefüllte Schnapsflasche mit, die im Kreis herumging und schnell leer war. Solang das Feuer brannte, unterhielten sie sich halblaut miteinander. Sie redeten deutsch, aber aus ihrer Aussprache hörte der Lauscher, daß nur zwei von ihnen wirklich Deutsche waren, der ‚Schwabe‘ und der ‚Bayer‘, wie sie genannt wurden, während die drei anderen, der ‚Tschasbauer‘, der ‚Wasserkopf‘ und der ‚Krowot‘ der slawischen Rasse angehörten.
Sie erzählten von ihren vergeblichen Gängen um Arbeit und verwünschten das milde Wetter, weil es schneller den Schnee weggeräumt hatte als sie mit ihren Schaufeln. Dann wurden sie einsilbiger und schliefen endlich ein, indes der Regen ohne Pause rieselte und der Wind empfindlich kalt durch die Bretterwände pfiff.
Fritz schlich sacht davon. Seine Kleider waren schwer von Nässe, in den Vertiefungen seines Filzhutes bildete das Wasser kleine Teiche. Aber heim ging er noch nicht. Eine dumpfe Trauer war in ihm, und mit doppelter Gewalt griff die Reue über so viele nutzlos verzettelte Tage an sein Herz. Denn es war ihm gewesen, als hätte im unsteten Flackern des dürftigen Feuerchens hinter Qualm und rauchiger Glut wie in weiter trüber Ferne das verlorene Ziel flüchtig herüber geleuchtet.
... Den Elenden und Gequälten ein freies, heiteres Dasein schaffen, ihnen das Recht auf Glück zurückerobern — ein Ziel, wohl wert, sein Leben dafür aufzuwenden ...
Hatte wirklich einmal einer so zu ihm gesprochen, und er hatte sich ihm zugeschworen mit Handschlag und Gelöbnis? Und statt dessen schritt er satt und behäbig in den Reihen der Behäbigen und Satten, trank sein Bier in Ruhe und ereiferte sich höchstens im Streit der Glieder untereinander, indes der ganze Körper in schwerer Not rang. Die Menschheit war dieser Körper, und ihre Not war der Hunger. Und wo dieser war in seinem bittersten Ernst, da war auch kein Kampf von Volk zu Volk, von Bruder zu Bruder. Da saß der Bayer mit dem Polen, der Deutsche mit dem Slawen beim Feuer, und sie teilten sich einträchtiglich im Fleisch eines gestohlenen Hundes.