Und während er in Regen und Sturm durch die Frühlingsnacht irrte, wurde ihm immer klarer und erkannte er immer deutlicher, daß die Unzufriedenheit, die Unlust und Leere der letzten Monate nicht seinem Müßiggang entsprang, nicht dem Wirtshaushocken und Zechen und Saufen. Das waren nur die Folgen, die Ursache aber war, daß er sich an eine Sache mit halbem Herzen und gegen seine innerste Überzeugung hingegeben. Das Unrecht, die Vergewaltigung, die der Schwächere erdulden mußte, hatten ihn geblendet, so daß er nicht sah, daß der ganze Kampf ein Unrecht war und ein Frevel an der Allgemeinheit.
Als er endlich — der Morgen brach an — nach Haus kam, begegnete er dem Mediziner Karg, der ohne Gruß an ihm vorüber und die Treppe hinabeilte. Unter der Wohnungstür stieß er mit dem Astronomen zusammen. Auch der war bleich und ernst und grüßte kaum. Fritz war zu müde, als daß ihm das aufgefallen wäre. Er entledigte sich seiner Kleider, aus denen in trüben Bächlein das Regenwasser rann und fiel in einen bleischweren Schlaf.
Nach kaum zwei Stunden wurde er von Pichler wach gerüttelt. Der hübsche Mensch hatte blasse, zitternde Lippen und war ganz verstört.
„Fritz, steh’ auf! Karg hat den König erschossen!“
Es war so. Betrunken hatten sie in einem Nachtkaffee Streit angefangen, der mit Faustschlägen und Ohrfeigen endete. Nüchtern geworden, hatten sie sich am nächsten Tag wieder versöhnt und das frühere Einvernehmen hergestellt. Aber Deimling war Zeuge des Auftritts gewesen und duldete eine so gemütliche Beilegung nicht. Ein Mitglied der Herminonia war tätlich beleidigt worden, und dafür gab es nach seinen starren Ehrbegriffen nur eine Sühne mit den Waffen, sollte kein Makel an den Farben der Landsmannschaft haften bleiben. Das sagte er dem Karg, und als der entgegnete, die Sache sei bereits durch gegenseitige Entschuldigung aus der Welt geschafft, erklärte Deimling finster, er hätte gedacht, der Fuchsmajor würde besser wissen, was die Ehre der grün-weiß-roten Farben gebieterisch fordere. Für seine Person könne er ja die Hiebe ungestraft auf sich sitzen lassen. Aber dann werde der Fall in der nächsten Kneipsitzung zur Sprache kommen, und da werde es sich ja zeigen, ob ein Geohrfeigter, der sich für eine solche Schmach nicht Genugtuung mit den Waffen verschaffe, ferner noch würdig sei, das grün-weiß-rote Band zu tragen.
Nun war Karg mit Leib und Seele bei seiner Burschenherrlichkeit und war viel zu oft schon auf Mensur gestanden, als daß es ihm auf einen Ehrenhandel mehr oder weniger, selbst mit einem guten Freunde, sonderlich angekommen wäre. Wenn Deimling wollte, ging er eben los, da war weiter nichts dabei. Aber die Osterferien standen vor der Tür. Und König war ein guter Fechter. Und Karg wollte seiner Mutter nicht mit frischen Schmissen nach Haus kommen. Und der Handel mußte binnen zweimal vierundzwanzig Stunden — so stand’s im Kodex — ausgetragen sein. Also einigte man sich auf Pistolen. Deimling war ganz Korrektheit und steife Würde. Er ordnete alles und verbot insbesondere dem Fuchsmajor, mit dem Gegner in derselben Stube zu wohnen, so daß ihm die Wondra für diese eine Nacht in ihrer eigenen Kammer das Lager zurechtmachte, während sie selbst in der Küche schlief.
Dann war es so gekommen, daß König, der den ersten Schuß hatte, ein Loch in die Luft schoß, während Karg, vor Aufregung zitternd und unsicher, die Waffe nicht in der Gewalt hatte. Seine Kugel fuhr dem Astronomen ins linke Auge. Ein paar Atemzüge lang stand er noch aufrecht, mit unverändertem, nur wie verwundertem Gesicht. Und schon wollten alle des guten Ausgangs sich freuen, da wankte er, fiel hin und hatte den letzten Atemzug getan, ehe noch jemand die Verletzung wahrgenommen.
Seinen Leichenwagen begleiteten die Herminonen in voller Wichs und Abordnungen von vielen anderen Verbindungen. Es war ein sehr schönes Begräbnis. Karg stellte sich den Gerichten. Er wurde zu drei Jahren Kerker verurteilt und da er Reserveoffizier war, vom Kaiser begnadigt. So verlief alles in schönster Regelmäßigkeit, und auf dem frischen Grabhügel wurden die Frühlingsgräser besonders üppig grün, als hätten sich aus dem zerstörten Jünglingskörper alle Hoffnungskeime lichthungrig in ihre zarten Spitzen geflüchtet.
Die Wondra weinte sehr um den Verlust ihres besten, weil beständigen Mieters. Acht Tage rührte sie kein Kartenblatt an, und noch weitere vierzehn Tage traten ihr jedesmal, wenn sie sich zum Spieltisch setzte, die Tränen in die Augen, und sie weihte dem Toten einen stillen Gedächtnisschluck.