Karg wurde seit diesem Zweikampf mit ausgesuchter Hochachtung behandelt, so daß ihm das zu Kopf stieg und er einer dünkelhaften Einbildung anheimfiel, die sich in kurzen, herrischen Gebärden und in einem blasierten Gesichtsausdruck offenbarte. Er wurde stolz und war beinahe froh, daß er einen ernstesten Fall gehabt und daß von ihm erzählt werden konnte, er habe schon einen im Duell erschossen.

Derart hatten sich alle Beteiligten in ihrer Weise rasch wieder zurechtgefunden.

Hellwig brauchte länger. Alles in ihm bäumte sich gegen die Leichtfertigkeit, mit der hier über ein Menschenleben zur Tagesordnung übergegangen wurde. Und als eines Tages nach Ostern Karg auf ihn zutrat: „Kommen Sie heut’ mit in die Kneipe?“, wandte er sich wortlos ab. Das war eine Beleidigung, und der Herminone, jetzt erst recht nicht gewillt, sich dergleichen gefallen zu lassen, verlangte Aufklärung. Fritz aber gab keine Antwort, stand mit dem Gesicht gegen das Fenster gekehrt und rührte sich nicht. Da schickte ihm Karg seine Zeugen. Es waren Deimling und der Erstchargierte Braun. Gemessen und förmlich überbrachten sie die Forderung.

„Sie haben sich umsonst bemüht!“ sagte Hellwig. „Ich schlage mich nicht.“

Nun hätten sie füglich gehen können. Aber Braun tat noch ein übriges, indem er den allseits Beliebten auf die Folgen einer solchen Weigerung aufmerksam machte. Fritz bat ihn jedoch sehr ruhig, er möge sich das sparen. Seinen Entschluß werde es nicht ändern.

„Diese Methode ist sehr eigentümlich!“ nahm nun Deimling das Wort. „Erst der Ehre eines Menschen grundlos nahe treten und dann ...“

„Mein bester Herr Deimling,“ fiel ihm da Hellwig in die Rede, „das Leben eines Menschen ist wertvoller als seine Ehre!“

„Das ist jedenfalls ein bequemer — und sicherer Standpunkt!“ entgegnete der alte Herminone, setzte mit einer spöttischen Verbeugung hinzu: „Hüten Sie also Ihr wertvolles Leben!“ und wollte sich entfernen. Fritz vertrat ihm den Weg: „Sie haben mich falsch verstanden. Ich habe nicht von mir gesprochen, sondern von dem armen König.“

„Er ist gefallen wie ein Soldat auf dem Felde der Ehre!“ antwortete Braun. Fritz erwiderte:

„Ich weiß nicht, welche Ehre Sie meinen. Es gibt ihrer ja so viel als Stände und Rassen. Ich weiß nur, daß ein Menschenleben etwas Kostbares und Heiliges ist. Und wer eins davon vernichtet, bestiehlt die Menschheit um tausend Möglichkeiten, versündigt sich an ihr und besudelt jene einzige Ehre, die ich allein gelten lasse: die Ehre, Mensch zu sein.“