Die silbergraue Dämmerung vor den Fenstern wich bereits dem hellen Licht der nahen Sonne, als Pichler nach einer durchschwärmten Nacht heimkam. Fritz erzählte ihm ohne Umschweife den Vorfall mit den Herminonen. Auf dem Bettrand sitzend, hörte Otto nur mit halbem Ohr hin, während er sich der Stiefel und Kleider entledigte und unter langgezogenen Seufzern gähnend den Mund aufriß. Die Sache war ihm nicht mehr neu. Er hatte sie bereits bei der Kneipe und in den Kaffeehäusern genugsam zu hören bekommen. Erst als er in den Federn lag und die Decke bis zum Hals hinaufgezogen hatte, fragte er unter fortwährendem Gegähn: „Und was wirst du jetzt machen?“

„Schlaf dich erst aus!“ erwiderte Hellwig. „Wir sprechen weiter, bis dein Schädel wieder klar ist.“

„Ist er ohnehin!“ knurrte der andere, drehte sich gegen die Wand und schlief auch schon. — —

Fritz wusch sich die Augen hell und goß einen großen Krug Wasser über Kopf und Nacken. Als die Wondra bald darauf mit dem Frühstück erschien, teilte er ihr mit, daß er die Wohnung zu verlassen gedenke. Mit würdevollem Kopfnicken nahm sie die Kündigung zur Kenntnis, stellte den Kaffee auf den Tisch und entfernte sich, ohne ein Wort zu sprechen. Denn auch sie war bereits durch Karg über den Vorfall unterrichtet und wußte als langjährige Studentenmutter, wie man sich einem Auskneifer gegenüber zu benehmen hatte.

Hellwig lächelte ein wenig, während er sich das feuchte Haar aus der Stirn kämmte und den Kragen anknöpfte. Dazwischen nahm er, wie es seine Gewohnheit war, stehend kleine Schlucke vom Frühstückskaffee, und da er wieder tief in seine Gedanken hineingeriet, behielt er schließlich den Topf in der Hand und schritt damit, von einer unklaren und ungeduldigen Erwartung getrieben, rastlos um den Tisch herum.

Auch als er ins Freie trat, wo die alten Häuser wehmütig zu der stillen Pracht des Frühlingsmorgens hinaufschauten, wurde es nicht ruhiger in ihm, wollte das Gefühl nicht weichen, daß ihm etwas Fröhliches ganz nahe bevorstand. Pünktlich ging er in die Kanzlei und schrieb einen Mahnbrief nach dem andern. Dann erschien der Anwalt und beauftragte ihn, gegen einen nachlässigen Ratenzahler auf Grund des rechtskräftigen Urteils das Pfändungsgesuch bei Gericht einzureichen. Während Hellwig die Eingabe vorbereitete, kam der Schuldner und wollte die verfallene Rate erlegen. Er habe das Geld nicht früher zusammenbringen können. Der Advokat aber, dem es um seinen Verdienst zu tun war, erklärte, das helfe jetzt nichts mehr. Die Frist sei versäumt, die ganze gestundete Forderung nunmehr fällig und die Exekution bereits eingeleitet.

Die Mitteilung traf den Schuldner, der ein anständiger kleiner Geschäftsmann zu sein schien, ersichtlich hart, da er durch eine Pfändung sehr zu Schaden und um jeden Kredit kommen mußte. Inständig flehte er um Aufschub. Der wurde ihm endlich unter der Bedingung zugestanden, daß er mit der Rate zugleich fünf Kronen für die Kosten des Pfändungsgesuches bezahle. Das war nicht viel, aber der arme Teufel kramte in allen Taschen und brachte endlich in Nickelmünzen vier Kronen und dreißig Heller zur Strecke, die der Anwalt gleichmütig einstrich, mit der Ermahnung, nunmehr pünktlich zu sein und auch die fehlenden siebzig Heller nicht zu vergessen. Einer großen Sorge ledig, versprach der Mann alles unter vielen Dankesworten. Da sagte Hellwig: „Das Gesuch ist noch nicht fertig, Herr Doktor!“

„Wie? Ja so, ganz recht — die Klage gegen die Seifenfabrik ...“ meinte der Advokat diplomatisch und winkte Schweigen.

„Nein,“ antwortete Hellwig unbeirrt, „das Pfändungsgesuch habe ich noch nicht fertig!“

Der Anwalt wurde verlegen.