Beinah die ganze Stadt konnte von dort überblickt werden, wie sie da unten hingebreitet lag, in Leibesmitte von dem sonnenüberspiegelten Stromband wie mit wehrhaftem Stahl gegürtet, und vergoldete Kuppeln funkelten im Licht gleich den Zieraten auf dem Brustharnisch einer reisigen Brunhilde. Ernst und hart war dieses Stadtbild, von einer herben Schönheit, deren strenge Linien auch die Helligkeit des Frühlings nicht weicher und anmutiger machen konnte.
Aber Fritz sah nicht darauf hin, schaute darüber hinweg in eine leere Ferne und grübelte in sich hinein.
Der Auftritt mit dem Rechtsanwalt war ihm selbst überraschend gekommen. Doch war ihm das jetzt ganz recht und er wünschte es nicht ungeschehen.
Im Buschwerk, um ihn, über ihm, war es ungemein lebendig. Lichtbächlein rannen von den Zweigen, und unsichtbare Vögel lockten und suchten einander. Verwirrend dufteten, kaum den geplatzten Knospen entquollen, die weißen Blüten, und das gesamte lose Lenzgesindel war geschäftig, mit Schmeicheln und Streicheln und Fächeln und Lächeln die Sinne leise zu umgarnen und irgendeine namenlose Sehnsucht wach zu bringen.
Plötzlich mußte er an die kleine Eva Wart denken, und so oft er diese Erinnerung unwillig zurückstieß, so hartnäckig stellte sie sich immer wieder ein. Ohne daß er es wußte, wurden ihm die Lider feucht.
Und nun sah er auch ihr ganzes Heim vor sich, das tätige Haus, den biederen Kaufmann, den Freund — und neben der hochgesinnten Mutter stand das feine Jungfräulein und schaute ihn leidvoll aus ernsten Augen an. Wenn er jetzt diesen Menschen gegenüber treten sollte, konnte er es denn, ohne die Stirn zu senken? Die Schamröte stieg ihm in die Wangen. Und dann — dann legte er mit einem dumpfen Ächzen beide Hände vors Gesicht, und zwischen den gespreiteten Fingern quollen große, warme Tränen.
Minutenlang saß er so, zusammengekauert, die Ellbogen auf die Schenkel gestützt. Als er sich endlich erhob, mit einer Bewegung, als risse er eine Handfessel jäh entzwei, da blickten unter den gewölbten Stirnknochen die Augen hart und finster, und in dem hageren Antlitz war Zug um Zug ein Ausdruck von gesammelter Entschlossenheit.
7.
Als er heimkam, war Otto eben aufgestanden. Fritz teilte ihm nunmehr mit, daß er die Wohnung aufgekündigt habe. Da schüttelte ihm Pichler warm die Hand und sagte: „Das war gescheit von dir. Sonst hätt’ ich nämlich selbst ausziehen müssen. Denn bei aller Freundschaft wirst du zugeben müssen, daß wir nicht beisammenbleiben dürfen.“
„Warum denn?“ fragte Hellwig erstaunt. Und Otto erwiderte: „Das ist doch ganz klar — weil ich sonst gerade so unmöglich bin wie du. Man kann doch mit einem, der keine Satisfaktion gibt, nicht in derselben Stube wohnen, ohne daß ...“