Nun erkannte sie ihn an der Stimme. „Jemine, der Herr Pichler!“ rief sie und lief, das Gartentürl zu öffnen. Sie tat es mit einem kleinen Knicks und sagte unüberlegt dazu: „Tretet ein, hoher Krieger!“

„Der sein Herz Euch ergab!“ ergänzte Otto schnell und verneigte sich tief, wobei er die weißbehandschuhte Rechte gegen seine Brust drückte.

Das Fräulein errötete. „Bei Ihnen muß man mit dem Zitieren vorsichtig sein!“ lachte es. „Sie sind gut beschlagen!“ Dann wollte es ihm die Hand zum Willkomm reichen und bemerkte, daß es noch immer des Vaters Unterhose hielt. Unmutig weggeschleudert flog diese im Bogen neben den Korb. Pichler gewahrte den Zorn.

„Lassen Sie sich nicht stören!“ sagte er und zog die Handschuhe aus. „Wenn es Ihnen recht ist, werde ich helfen.“

„Ja?“ antwortete sie vergnügt. „Kommen Sie, das ist lustig!“

Dann hängten sie mitsammen die Wäsche auf. Im Rasen blühten die Gänseblümchen und der gelbe Löwenzahn, die jungen Blätter der Obstbäume glänzten frisch, und mit geschmeidigen Gliedern sprang das Reh über die grünen Wiesenflächen. Eva regte sich flink, Otto reichte ihr die feuchten Leinenstücke und stellte sich ungeschickt, um einen Vorwand zu haben, seine Finger mit ihrer warmen Hand oder dem kühlen festen Fleisch der Arme in Berührung zu bringen. Sie achtete nicht darauf. Ganz Eifer war sie, und die blonden Stirnhaare bewegten sich in krauser Unordnung wie ein leichtes goldenes Gitterwerk vor der klaren Stirn. Dabei plauderten sie von allem möglichen, und nur von einem sprachen sie nicht, obwohl Eva mit still klopfendem Herzen darauf wartete: von Fritz Hellwig.

Aber auch Pichler dachte an ihn und wiegte sich in der frohen Zuversicht, daß es ihm gelingen werde, den Gegner auszustechen. Denn er wußte, daß Hellwig sein Mitbewerber war. So ängstlich dieser auch das Geheimnis behütete, den Spüraugen Ottos war es nicht verborgen geblieben.

Alle Register seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit zog er, und das Bewußtsein, daß er fesch und vorteilhaft aussah, verlieh ihm große Sicherheit. Er übertraf sich selbst an Witz, Geist und drolligen Einfällen, so daß Eva fortwährend lachen mußte und in ihrer Vertrauensseligkeit, die ohne Arg war, dem lustigen Gesellschafter mit warmen Blicken entgegenkam. Und sie merkte auch die Absichtlichkeit nicht, als er ihr mit zögernden Händen die Haare aus der Stirn ordnete, mit ihrem Armband sich zu schaffen machte oder wie zufällig über ihr Kleid hinstrich. Wie mit einem guten Kameraden unterhielt sie sich und begegnete seinen Vertraulichkeiten auch wohl mit anderen, indem sie ihn auf die Finger schlug oder belustigt ihren schmalen Fuß zum Vergleich auf seinen großen Stiefel stellte.

Otto aber deutete alles zu seinen Gunsten. Er brannte lichterloh und glaubte, daß die Kleine nicht weniger in ihn verliebt sei als er in sie. Seine übermütige Siegessicherheit ließ ihn immer mehr wagen. Als er aber mit einer halben Wendung seinen Arm einen Augenblick um ihre Hüfte legte, klatschte sie ihm ein nasses Tuch ins Gesicht. „Das fordert Strafe!“ rief er und wollte sie jetzt erst recht an sich ziehen. Das Mädchen aber stand plötzlich mit einer so erstaunten und kalt abweisenden Miene vor ihm, daß er betreten seine Absicht aufgab. Er sah ein, daß er fürs erste Mal zu weit gegangen. Um den ungünstigen Eindruck zu verwischen, war er jetzt doppelt aufmerksam und bescheiden. Eva hantierte indes gleich wieder fröhlich weiter und tat, als sei nichts vorgefallen. Erst dieser vornehme und sichere Anstand brachte ihn aus dem Text. Er wurde verlegen, verlor den Faden und einen Augenblick stockte das lebhaft geführte Gespräch.

Der Rehbock kam, rieb den Kopf an seiner Herrin und schaute sie mit klugen Augen an. Da benützte sie endlich die Gelegenheit und sagte: „Wie doch die Zeit vergeht! Jetzt hab’ ich ihn schon das dritte Jahr! Was mag denn eigentlich der edle Spender machen?“ Ganz leichthin sagte sie das, aber ihr Herz schlug laut dabei.