Hellwig aber freute sich sehr, den besten Freund seiner Jugend wieder zu haben. Sie bezogen zwei einfenstrige Stuben im selben Haus, und da sie auch im gleichen Redaktionszimmer saßen, waren sie fast ununterbrochen beisammen. Nur abends, wenn Fritz zu Hause arbeitete oder an Versammlungen teilnahm, tat Heinz nicht mit. Das war nichts für ihn, das Studieren oder Debattieren bis in die späten Nachtstunden. Er wollte das Elend nicht bloß vom Hörensagen, sondern aus eigener Anschauung kennenlernen. Und er ging in die Massenquartiere und Schnapsbuden, kroch in alle Schlupfwinkel der Obdachlosen. Bisweilen blieb er dann tagelang verschwunden. Und wenn er wieder in der Wohnung auftauchte, hatte er statt der getragenen guten Kleider ein paar Fetzen an, geflickt und schmutzstarrend, und Fritz mußte ihm bis zum Ersten des nächsten Monats mit Geld aushelfen.
Wo er sich herumtrieb, verriet er nicht. Aber er war dann noch stiller und bleicher als sonst, und seine Augen schienen gleichsam nach innen zu schauen, und in ihrem dunklen Grunde lag unbeweglich etwas seltsam Starres, vereister Schreck oder versteintes Grauen, wie bei Leuten, die hart am Tod vorübergegangen oder an einer furchtbaren Gefahr.
Allen Fragen wich er aus. „Laß mich nur, Fritz, ich komm’ schon allein drüber weg. Dann wirst du’s erfahren.“
Da drang Hellwig nicht weiter in ihn.
2.
Pichler hatte sein Verhältnis mit der Helenka gelöst. Nach einem heftigen Streit waren sie auseinander gegangen, und keins fragte mehr dem andern nach. Jetzt diente er sein Freiwilligenjahr ab, beim Fuhrwesen, wegen der schönen Uniform. Und die Uniform stand ihm ausgezeichnet. Das wußte er, und konnte es kaum erwarten, bis er einen dreitägigen Feiertagsurlaub bewilligt erhielt, den er in der Heimat zubrachte, um sich dort den Leuten in all seinem Glanz zu zeigen. Die Geschwister bestaunten den stolzen Krieger wie ein farbenprächtiges Fabelwesen, und auch der lustige Küster unterließ das Witzeln und hatte helle Freude an dem stattlichen Sohn. Den aber trieb es nach Neuberg. Er wollte die Eva Wart sehen und Eindruck machen.
Das alte Haus war, wenn möglich, noch schwärzer und verwitterter geworden, aber die muntere Arbeit erfüllte es jetzt wie einst, und wie vor Jahrhunderten schon leuchteten die bunten Glasmalereien noch immer frisch und kräftig im Sonnenschein. Der Rehbock Hansl tummelte sich im Garten, und unter den Bäumen am Grasplatz stand seine Herrin, zierlich und fein, ein gefaltetes Tuch um den Leib, und befestigte Leinenwäsche mit hölzernen Klammern an den kreuz und quer zwischen die Bäume gespannten Schnüren. Sie trug eine blaue Hausjacke mit weiten Ärmeln, und so oft sie ein Wäschestück hob, fielen sie bis zu den Ellenbogen über die runden Arme zurück. Das freute die fröhlichen Sonnenlichter und liebkosend streichelten sie die glatte Haut, durch deren Weiß in einem ganz zarten und duftigen Schein, nur kaum wie die Farbe junger Apfelblüten, das Blut schimmerte. Eine warme Anmut war in den Bewegungen der fleißigen Arbeiterin, und wenn sie sich auf die Zehen stellte, mit zurückgebeugtem Oberkörper eine höher hinlaufende Leine zu sich niederzog, formten die kleinen Brüstlein zwei feine schattenhafte Hügel in den leichten Stoff des losen Kleides.
Im knapp sitzenden Waffenrock mit funkelnden Knöpfen, glänzend gewichste Röhrenstiefel an den Füßen, kam Otto über den Hof, und die Scheide des schweren Säbels stieß mit lautem Klingen gegen das Pflaster. Verwundert schaute das Fräulein nach der geräuschvollen Erscheinung und vergaß vor Überraschung die blühweiß gewaschenen Unterhosen Wart Nikls aufzuhängen, die es gerade aus dem Korb genommen. Unschlüssig hielt es diese in der Hand und wartete der Dinge, die da kommen würden.
Der fremde Krieger aber ging schnurstracks auf den Garten zu, blieb, die Hacken zusammenschlagend, vor dem Gitter stehen stehen und salutierte stramm:
„Servus, Fräulein Eva!“