Noch einige Minuten zögerte Fritz mit der Antwort. Kolben ließ ihm Zeit zum Überlegen, trat ans Fenster und sah einem Rotschwänzchen zu, das im Lindenwipfel flink sich regte.

„Nun?“ fragte er endlich.

„Ja!“ antwortete Fritz.

Nach einigen Tagen saß er in der Redaktion der Freien Blätter, hatte Monatsgehalt und Zeilenhonorar vertragsmäßig zugesichert und kam rasch ins Fahrwasser.

Um ihn tönte der Lärm, schrien die Parteien des Tages, forderten von der Gegenwart ungestüm ihre vermeintlichen Rechte. Und er stand mitten drin, mitten in dem heißen, tosenden Leben, das jeden Tag seine Gestalt änderte, Verbrauchtes abstieß und neue Schlagworte ausgab. Was heute oben war, hatte morgen seine Macht verloren, lang Niedergehaltenes stieg plötzlich empor, ein immerwährender Wechsel war da, ohne Stetigkeit und Ruhe, scheinbar ein Wirrwarr und doch eins durch das andere bedingt.

Von besonderem Reiz für ihn war es da, den Zusammenhängen nachzuspüren, die das wertlos gewordene Gestern mit dem schillernden Heute verknüpften, die vielen durcheinander wirbelnden Strömungen und Gegenströmungen bis zu ihrer gemeinsamen Quelle zu verfolgen und aus dem beständigen Auf und Ab der fließenden Erscheinungen das Bleibende herauszufinden.

Und er erschrak über die drückende Machtfülle, die gewaltig aufgespeicherte Vermögen den verdienstlosen Besitzern über ganze große Menschengruppen verliehen, sah diese vergeblich dagegen ankämpfen, matt und mutlos werden, und fühlte mehr, als er klar erkannte, daß eine Ordnung, in welcher derartiges möglich war, irgendwie krank sein müsse, ohne daß er hätte finden können, wo eigentlich die Krankheit saß und wie sie zu heilen wäre. Denn alle die Wohlfahrtseinrichtungen, die Krankenkassen, Unfallversicherungen, Altersversorgungen, schienen ihm bestenfalls Verlegenheitsmittel, durch die nur die Folgeerscheinung der Krankheit erträglicher gemacht, nicht aber die Krankheit selbst behoben werden konnte, so etwa, wie man einem schwer Verwundeten Morphium einspritzt, um die unerträglichen Schmerzen für Augenblicke zu übertäuben.

Da war nun seiner grüblerischen Natur wieder ein reicher Stoff geboten. Aber er blieb in beständiger Fühlung mit dem Leben und arbeitete freudig drauflos, so daß es gewöhnlich sehr spät wurde, ehe er zum Nachtmahl und in seine Wohnung kam. Aber auch dann gönnte er sich noch nicht Ruhe, las vielmehr, schrieb und studierte, als wollte er in Wochen nachholen, was er während der leeren Monate in Prag versäumt hatte.

So verging der Sommer im Flug, es wurde Herbst und eines Tages traf Heinz Wart in Wien ein. Er hatte die Reifeprüfung abgelegt, und zielsicherer als Hellwig schwankte er keinen Augenblick, sondern kam mit der festen Absicht, sich ganz dem Zeitungswesen zu überantworten und dort mitzuarbeiten, wo er am ehesten die Verwirklichung seiner Jugendideale erhoffte.

Er war noch blasser und stiller geworden, die Augen brannten ihm groß und wie im Fieber unter der weißen Stirn. Von den dunklen Haaren bis in die Fingerspitzen schien die ganze überschlanke Gestalt mit verhaltener Leidenschaft durchtränkt, von Temperament förmlich gesättigt zu sein. Er war einer von jenen, die mit dem Herzen entscheiden, sich an der eigenen Glut verzehren und unbesinnlich zur Selbstopferung bereit sind, wenn sie glauben, der Idee, für die sie brennen, dadurch dienen zu können.