„Ihnen nicht, das seh’ ich jetzt schon selber!“ sprach sie ihm mit funkelnden Augen entgegen. Gekränkt versetzte er: „Warum sind Sie so bös? Sie tun ja gerade, als ob ich an allem schuld bin!“

„Beileibe!“ entgegnete sie und in ihrer Stimme war Spott und Zorn. „Fein haben Sie sich benommen! Ein unschuldiger Engel sind Sie!“ Dann aber ging ihr doch das mühsam gezügelte Temperament durch. „Wollen Sie wissen,“ fuhr sie heftig fort, „wollen Sie wissen, wer der Feigling ist? Nehmen Sie einen Spiegel und schaun Sie sich an! Dann sehen Sie ihn!“

„Fräulein Eva!“

Das klang gereizt und grollend. Sie hörte nicht darauf. Rücksichtslos warf sie ihm ihre Empörung ins Gesicht.

„Vielleicht nicht? Sie haben nicht den Mut gehabt, offen zu Ihrem Freund zu halten. Wie alle sich losgesagt haben, haben auch Sie ihn aufgegeben! Das ist feig! Das ist schlecht! Pfui!“

Sie drehte sich auf dem Absatz herum, schritt tiefer in den Garten hinein mit heißen Wangen und wild schlagendem Herzen. Aber ihre blitzenden Augen waren jetzt voll Tränen.

Pichler war sehr blaß geworden und zerknüllte seine Handschuhe. Das Reh, das ihm gerade in die Quere kam, erhielt einen unsanften Stoß. Doch kein Wort erwiderte er. Eine Weile stand er noch unschlüssig, dann kehrte er sich langsam ab und schritt durch das Gartentürl in den Hof zurück. Aber sein Säbel klang jetzt nicht mehr hell auf den Steinen. Er hielt ihn am Korb fest und bestrebte sich eines möglichst geräuschlosen Abgangs.

Eva schrieb an diesem Tage noch einen langen Brief an Heinz. Aber obwohl sie dabei fortwährend an Fritz dachte und obwohl jedes Wort eigentlich für ihn bestimmt war, kam auf den vier eng beschriebenen Seiten schließlich nicht einmal sein Name vor. Und nur ganz zum Schluß, als Nachschrift, schrieb sie: „Deinen Stubennachbar lasse ich grüßen.“ Sie schrieb es hastig und überstürzt und wagte dabei nicht auf das Papier zu schauen, so daß diese Zeile schief und mit unordentlichen Buchstaben dastand und von der sauberen Nettigkeit der übrigen erheblich abstach.

3.

Fritz blieb es erspart, dem Kaiser zu dienen. Eine Unregelmäßigkeit in der Krümmung der Hornhaut beeinträchtigte das Sehvermögen seines rechten Auges und machte ihn zum Waffendienst untauglich. Er war froh darüber, und als er auch die letzte Musterung glücklich hinter sich hatte, verleitete er seinen Freund Heinz zu einem kleinen Gütlichtun in einem Weinkeller. Von dort gingen sie noch in ein Nachtkaffeehaus. Ein Streichorchester spielte hier, und der große, schäbig elegante Raum war gesteckt voll. Studenten, ledige junge Beamte und alte Witwer waren in der Überzahl, saßen angeheitert, lustig oder schläfrig bei den runden Marmortischchen und musterten die geschminkten und geputzten Weiber, die von der Straße kamen und Liebe feilboten. Allenthalben saßen oder standen sie bei den Herren, von den großen Hüten nickten die gefärbten Federn, und falsche Edelsteine funkelten an billigen Spitzenblusen.