Eine aber saß allein und abseits in einer Ecke, hatte ein schlecht sitzendes dunkles Kleid an, und ihr Gesicht war ohne Schminke. Mit ängstlichen Augen schaute sie in das lärmvolle Durcheinander, und wenn ein Mann sie ansprach, begann sie zu zittern, errötete und gab keine Antwort. Eine Anfängerin. Der Zahlkellner beobachtete sie mißtrauisch. Er sorgte sich um sein Geld für die Zeche. Aber auch Heinz Wart ließ sie kaum aus den Augen.

Die Musik spielte den neuesten Gassenhauer, die Gäste sangen mit, stampften, klatschten und pfiffen.

Leichthin sagte Heinz: „Ich werde mich an ihren Tisch setzen. Gehst du mit?“

„Was dir nicht einfällt!“ erwiderte Fritz und schaute den Epikuräer entrüstet an. Der bemühte sich, ein unbefangenes Gesicht zu machen, wurde aber doch rot, als er jetzt meinte: „Dann wäre ich dir dankbar, wenn du mich allein ließest.“

„Wie du willst. Zugetraut hätte ich’s dir nicht!“

„Man täuscht sich eben. Gute Nacht.“

Hellwig hatte schon den Hut auf und stürmte davon. Er war nicht prüde und kein Sittenrichter. Aber die käufliche Liebe ekelte ihn an.

Die junge Frau zuckte erschreckt auf, als sich Heinz mit einem ungelenken: „Erlauben Sie?“ zu ihr setzte. Aber bald verlor sie alle Scheu. Weder Unverschämtheit noch freches Begehren war in seinem Blick, nur ernste Teilnahme, die Vertrauen heischte und Vertrauen wachrief.

Sie hieß Marie und war aus dem Waldviertel. Nach einem verstorbenen Onkel hatte sie gemeinsam mit ihrer Schwester einen Milchhandel in der Stadt übernommen. Aber da sie beide nichts vom Geschäft verstanden, wollte es nicht gehen und wurde ihnen schließlich versteigert. Die ältere Schwester hatte mit einem Lohnkutscher ein Verhältnis, das ihr allwöchentlich Prügel und alljährlich ein Kind einbrachte. Die Marie aber ging einem Heiratsschwindler ins Netz, der sie um die letzten Kreuzer betrog und dann sitzen ließ. Weil sie zart und schwächlich aussah, glückte es ihr nicht gleich, als Dienstmagd unterzukommen, die Quartiersfrau wollte ihr ohne Zahlung nicht länger Unterstand geben, bei der Schwester war Not und Elend und kein Platz für noch einen müßigen Kostgänger. Deswegen saß die Marie jetzt hier und wollte das Letzte, das ihr noch geblieben, feilgeben, um wieder einmal ordentlich essen und die Miete zahlen zu können.

Das alles erzählte sie dem Wart, und die Aussprache tat ihr wohl. Er unterbrach sie mit keinem Wort, hörte still zu und lebte ihr einfaches Schicksal mit, das ihn ans Herz griff, trotzdem er vorausgewußt hatte, daß ihr Bericht so oder ähnlich lauten würde.