Dann redeten sie noch über viele Dinge. Die Marie fühlte sich geborgen, wurde lebhafter und wenn sie lächelte, glitt über ihr mageres Gesicht ein wehmütig freundliches Licht. Wie wenn im Vorfrühling der Sonnenschein über ein erstes blasses Schneeglöckchen hinhuscht, sah es aus, und in ihren goldbraunen Augen war ein sanfter Glanz von einer Munterkeit, die ungewiß, ob sie sich vorwagen sollte, ihre leuchtenden Flüglein hob und senkte.
Es war sehr spät geworden. Heinz schlug vor, zu gehen. In ihr Schicksal ergeben, folgte sie ihm. Aber auf der Straße nahm sie doch seinen Arm und schmiegte ihre Wange daran, zum Dank, daß er sie rücksichtsvoll und wie ein anständiges Mädchen behandelte. Vor einem Logierhaus machte er halt. Bevor er klingelte, bot er ihr mit behutsamen Worten ein Darlehen an. Sie gab keine Antwort, wurde verwirrt und schluchzte kurz auf. Aber das Geldstück nahm sie doch, mit kaum verhehlter Gier, aus seinen Händen und barg es bebend in ihrem Täschchen. Dann wartete sie mit fliegendem Atem, daß er anläuten und das Zimmer bestellen würde. Doch er hielt ihr nur die Hand hin.
„Gute Nacht!“ sagte er einfach.
Freudig erschrocken schaute sie ihn an.
„Sie gehn nicht mit?“ rief sie in der Ratlosigkeit ihrer Überraschung. Und das war wie ein Aufjubeln, und die hellen Tränen stürzten ihr über die Wangen.
„Schlafen Sie sich aus. Wenn es Ihnen recht ist, hol’ ich Sie morgen früh ab. Dann sehen wir weiter.“
Sie war ganz fassungslos und wußte nicht, wie sie ihm dankbar sein könnte. In überströmendem Empfinden neigte sie sich über seine Hand. Unwillig machte er sich frei, zog die Nachtglocke und wollte rasch davon. Sie ließ es nicht zu.
„Sie ... du ...“ stammelte sie, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn.
Die Sommernacht war lau und ausgesternt, rein und rund hing der Mond im dunklen Blau, lautlos war es und niemand in der Gasse zu sehen. Und nichts war zu hören als der Herzschlag der vielen schlafenden Menschen, der durch die Mauern der großen Zinshäuser drang und leis und warm durch die Stille pochte.
„Bleib’ bei mir, du!“ flüsterte die Marie. „Geh’ nicht fort, laß mich nicht wieder allein. Ich bin so froh, daß ich dich gefunden hab’!“