Der Schlüssel rasselte im Schloß. Schläfrig öffnete der Pförtner das Tor. Nur einen flüchtigen Blick warf er auf das Pärchen, dann sagte er mit einem verständnisinnigen Blinzeln zu Heinz: „Ein Zimmer mit zwei Betten ist nicht mehr frei. Wenn die Herrschaften fürlieb nehmen wollen mit Nummer einundvierzig?“
Heinz stand wie betäubt.
„Geh’ nicht fort!“ bat die Marie.
Da nahm er wortlos den Zimmerschlüssel aus der Hand des Türstehers. Und noch ehe er im zweiten Stockwerk angelangt war, hatte er schon den schlanken, bebenden Frauenleib ganz dicht an sich gezogen.
Körper an Körper und Wange an Wange stiegen sie die Treppe hinan, mit fieberndem Blut und hämmernden Herzen, und wie eine glühende Wolke umhüllte sie die ungestüme Sehnsucht ihrer jungen lebenshungrigen Sinne.
So kam die große Leidenschaft der Liebe über Heinz Wart. Er bezog mit Marie eine aus Küche und Zimmer bestehende Wohnung im fünften Stock eines Miethauses. Dort war es hell und freundlich, und die schlichten Möbel glänzten im Morgensonnenschein mit den Zähnen, den Augen der Marie um die Wette. Heiter ging sie an ihr Tagewerk und beschloß es heiter, ganz geborgen fühlte sie sich, wußte sich geliebt und liebte wieder mit aller Zärtlichkeit ihres unverbrauchten kindlichen Herzens. Ein sachtes Rot kam in ihre schmalen Wangen, leicht und federnd schritt sie einher. Aber ihre Arme blieben mager, und der trockene Husten wollte nicht weichen.
Beglückt und froh ließ sich Heinz von ihrer warmen Liebe wiegen. Seine Starrheit löste sich, er wurde weicher, menschlicher sozusagen. Im schnurgeraden Wandern nach dem Ziel hatte er eine heimliche Stätte gefunden, wo er traumverloren ruhen und endlich auch einmal der Melodie seines eigenen Lebens lauschen konnte.
Fritz bat den Freund — wortlos, nur mit einem festeren Händedruck — um Verzeihung wegen der schlechten Meinung, die er von ihm gehabt, und mit der Marie schloß er bald gute Kameradschaft. Viele schöne Abende verlebte er in ihrem Heim, aber auch jeden freien Tag verbrachte er mit ihnen.
Dann fuhren sie alle drei in den Wiener Wald oder in die Voralpen hinaus, nach denen die Marie solche Sehnsucht hatte, daß sie sich immer wie zu einem Fest schmückte, wenn sie die laubwaldumwachsenen Höhen wiedersehen sollte, die weich hinfließenden Kämme und die weiten Täler. Denn sie liebte die freie Gotteswelt, den blauen Himmel, unter dem sie groß geworden, die blumigen Fluren, die ihr das Wiegenlied geflüstert, die saalweiten Buchenwälder, durch die mit goldenen Mänteln die Rehe sprangen wie verwunschene Märchenprinzen.
Abseits von dem großen Heer der Ausflügler streiften sie, meist weglos, den ganzen Tag umher, an kühlen Bergquellen hielten sie Rast, von duftschweren Maiglöckchen umblüht oder umloht von der berauschenden Glut blutroter Alpenrosen. Und je einsamer es war, desto glücklicher waren sie, großen Kindern gleich, die hinter die Schule gelaufen.