Weit über fünftausend Arbeiter beschäftigte diese Fabrik, und weit über fünfzehntausend Bergleute fanden in den Kohlengruben ihr Brot. Die sollte Fritz Hellwig nun führen, organisieren und vorbereiten zum Kampfe gegen die mächtigen Handelsherren.
Er hatte sich außerhalb der Stadt in einem kleinen Hause am Ufer des Stromes bei einem Faßbinder eingemietet. Hier war es still und friedsam, die Hafenbahn führte nicht bis her und der Lärm drang nur kaum noch wie ein leises Murmeln von fern. Um die Fenster schlang ein edler Weinstock seine Ranken, bewaldete Berge stiegen am jenseitigen Ufer mit anmutigen Gipfeln empor, und durch das grüne Tal glitt leise rauschend mit eiligen Wellen der schöne Fluß. Früh morgens ging die Sonne an den Fenstern vorbei, lag wie gleißendes Silber auf der breiten Wasserfläche, Lastschiffe und Zillen wanderten bei günstigem Wind mit aufgesteckten Segeln vorüber, Schleppdampfer bewegten sich an rollender Kette stromaufwärts.
Bisweilen auch tönte unten auf dem gepflasterten Vorplatz lustiger Schlegelklang. Aber der Bindermeister war rücksichtsvoll und fragte jedesmal, wenn er die Reifen antreiben wollte, seinen Mieter, ob ihm das Gehämmer nicht lästig sei. Er war außerordentlich mager, groß, etwas vornüber gebeugt durch die Last seiner siebzig Jahre, und um das ganze Gesicht starrte ihm ein wahrer Urwald von grauen Haaren, so daß nur die kleinen Vogelaugen sichtbar waren und eine Hakennase von abenteuerlicher Form. Wie ein Meergreis schaute er aus, grün, mit grünlich verschossenen Kleidern und grünlich-schwarzer Hautfarbe. Denn er wusch sich nur Sonntags. Dagegen hielt er viel auf leichtes Schankbier und Schnupftabak, wovon er unglaubliche Mengen verbrauchte. Seine Frau war ihm darin ähnlich. Auch sie verschmähte weder eine Prise noch einen guten Trunk. Doch ging sie immer sauber gewaschen, und Fritz hatte keinen Anlaß zu einer Klage. Seine Stube war kühl und hell, die Aussicht prachtvoll, der Kaffee vortrefflich.
Wenn er zu Hause war, sah er am liebsten zum Fenster hinaus auf das bunte Treiben im Strom, schaute den Scharen der Möven zu, die wie Silberstreifen über die glitzernde Wasserfläche schossen und ließ sich nachts von dem eintönigen Geplätscher der wandernden Wellen in Schlaf singen.
Aber er hatte nicht viel Zeit zu beschaulicher Muße. Die Agitatoren, die vor ihm dagewesen waren, hatten schlecht gewirtschaftet. Sie hatten verhetzt, statt aufzuklären; sie hatten aufgereizt, wo sie hätten belehren sollen. Sie hatten den Leuten die glückliche Unwissenheit genommen und nichts dafür gegeben.
„Werdet Sozialdemokraten, und es wird euch gut gehen.“
Und sie wurden Sozialdemokraten. Aber es ging ihnen nicht gut. Es ging ihnen schlechter. Denn zur gleichen Lebenslage war die Unzufriedenheit gekommen.
So war es Hellwig nicht leicht gemacht, Vertrauen zu erwerben. Aber es gelang ihm doch. Er war fortwährend unter ihnen, bereiste das ausgedehnte Gebiet, warb um sie und ließ nicht locker. Und langsam begann ihr Mißtrauen zu schwinden. Sie ließen ihn näher an sich heran, öffneten ihm ihre Stuben, ihre Herzen. Sie spürten heraus, daß er es ehrlich mit ihnen meinte und fingen an ihn zu lieben.
Bald kannten ihn alle Arbeiter. Es war auch nicht schwer, ihn unter Hunderten herauszufinden. Schulterbreit, von einem kraftvollen Ebenmaß der Glieder, überragte er die meisten um Haupteslänge. Wenn sie seinen runden Schlapphut, den grauen Radmantel auftauchen sahen, kamen sie näher, vertrauten ihm ihre Nöte. Und bald auch kamen sie zu ihm in die Redaktion des Wochenblattes, dessen Leitung er mit übernommen hatte. In den Frühstunden oder am Abend nach der Arbeit kamen sie, mit ihren rußigen Gesichtern und schwieligen Fäusten, holten sich Rat in ihren kleinen Kümmernissen und großen Mühsalen.
Es gab prächtige Menschen unter ihnen. Da war Anton Stanzig, der Glasbläser, der in seinen freien Stunden in den Bergen herumlief, um sich eine neue Lunge zu holen, weil er sich die alte beim heißen Schmelzofen schon zur Hälfte herausgeblasen hatte. Er spuckte Blut und sammelte Schmetterlinge, las darüber dicke Bücher und wußte alle Arten mit ihren lateinischen Namen zu benennen. Oder da war Ferdinand Opitz, der nach beendeter Häuerschicht die dunkle Kohlengrube verließ, um sich mit Spektralanalysen zu beschäftigen und dessen ständige Klage war, daß er so selten dazu käme, das Sonnenspektrum zu beobachten. Oder da war Franz Bogner, der alte Kesselwärter, der in den Mußestunden mit seinen knotigen Fingern zarte Blumengewinde und Figuren modellierte. Und was sollte man von Karl Pfannschmidt halten, dem fünfunddreißigjährigen Bergmann, der zur Rastzeit im Schacht mit dem Speck zugleich auch ein Buch aus dem Brotsack zog und auf einem Haufen Kohle bäuchlings hingestreckt, beim trüben Schein der Grubenlampe Rousseaus contrat social im Urtext zu lesen anfing.