Er hatte eine zweiklassige Dorfschule besucht und mußte mit zwölf Jahren ins Bergwerk. Schon längst war seine Gesichtsfarbe fahlgrün und seine Luftröhre voll von Kohlenteilchen, die er obertags fortwährend aushustete. Die heiße Schachtluft hatte den Körper angegriffen, aber der Sehnsucht konnte sie nichts anhaben. Die war geblieben, und mit ihr ein unstillbarer Hunger nach Wissen. Seine Stuben waren vollgepfropft mit allen Lehrbüchern der Mittelschulen. Denn er hatte einst den Ehrgeiz gehabt, es bis zum Doktor der Weltweisheit zu bringen. Da hatte er heiraten müssen, kurz nach der Hochzeit war das erste Kind gekommen, und die Sorge um das tägliche Brot zwang ihn, im Schachte auszuharren.

Hellwig war bald der wahren Natur des bescheidenen Bergmanns auf die Spur gekommen, bot ihm seine Bücherei zur Benützung an, lud ihn zu sich ein. Und Pfannschmidt zog eines Abends nach langem Zögern seine guten Kleider an und ging hin. Frisch rasiert war er, trug blank gewichste Stiefeletten und an den ausgearbeiteten Händen braunlederne Handschuhe. Linkisch stand er unter der Tür und zog und zerrte an dem Knoten seiner Halsbinde, die himmelblau auf einer brettsteifen Hemdbrust glänzte. Die Hemdbrust hatte sich unter der Weste verschoben und wölbte sich nun wie ein mächtiger Frauenbusen.

„Stör’ ich?“ fragte er schüchtern.

„Beileibe!“ erwiderte Fritz. „Schön, daß Sie kommen.“

Er nahm dem Besucher den Hut aus der Hand, legte ihn aufs Bett, öffnete den Kasten und nahm eine Flasche Wein heraus.

„Machen wir’s uns gemütlich.“

Der Bergmann saß steif nur kaum auf dem Rand des angebotenen Stuhls und hatte die Hände vor sich auf die geschlossenen Knie gelegt. Seine Blicke wanderten in der Stube herum, blieben an den Büchergestellen haften.

Fritz schraubte die Lampe höher. „Ich denke, wir lesen etwas!“ schlug er vor. Denn auch ihm fehlte die Gabe, durch leichtes Geplauder Brücken zu schlagen, über die ihre einander noch fremden Seelen sich hätten näher kommen können. Er holte ein paar Bände, setzte sich seinem Gast gegenüber, der ihn stumm und erwartungsvoll ansah.

„Vielleicht das hier!“ meinte Hellwig nach einigem Herumblättern. Und nun las er mit verhaltener Leidenschaft Friedrich Adlers Gedicht ‚Nach dem Strike‘.

„... Im tiefen Schacht, von Luft, vom Lichte,