Etwas erstaunt schaute ihn Fritz an, und der Fremdling sagte mit unverhohlenem Spott: „Sie wundern sich über mein Aussehen, guter Freund? Das bin ich gewohnt. Übrigens heiße ich Karus, komme von Odessa und wollte mir mal anschaun, wie ihr da draußen in Freiheitskämpfen macht. Ich habe Ihre Rede gehört, es war eine schöne Rede, eine gehaltvolle Rede, gewiß, aber eben doch nur eine Rede. Und das, nehmen Sie mir’s nicht übel, junger Freund, aber das alles hat verflucht wenig Wert. Ihr redet und redet, glaubt, weiß der Himmel was ihr für die ‚Freiheit‘ und für die ‚Menschheit‘ tut. Doch seien wir ehrlich, im Grund genommen denkt ihr verteufelt wenig an die ‚Freiheit‘ und an die ‚Menschheit‘. Ihr denkt schließlich auch nur an eure Magen, wollt, daß ihr genug für den Wanst habt — — daß aber draußen irgendwo zur selben Zeit soundsoviele Hunderttausende im Straßengraben verrecken, daran denkt ihr nicht, ihr — altruistischen Egoisten!“
Er hatte mit halblauter Stimme gesprochen und keine Falte seines verwitterten Gesichtes verzogen. Nur die Augen blitzten lebendig in ihren tiefen Höhlen, und durch seine Worte zitterte es wie verhaltene Glut.
„Stören Sie mir die Stunde nicht!“ antwortete Hellwig unwillig. „Was geht es Sie an, wie wir für unser Recht eintreten? Ihnen zu Trost sei’s gesagt: wir werden es auch bekommen! Weil wir uns rühren! Warum rühren sich die soundsoviel hunderttausend anderen nicht auch? Oder, wie Sie sagen, warum verrecken Sie lieber im Straßengraben, statt sich ihr Recht zu holen?“
Da schüttelte sich die vierschrötige Gestalt des Unbekannten in lautlosem Gelächter. Er schaute Fritz lang an, mit einem sonderbaren, tief bohrenden Blick, dann sagte er langsam, jedes Wort betonend:
„Weil sie frei sein wollen!“, drehte sich auf dem Absatz herum und ging weg. Rücksichtslos brach er sich mit den groben Fäusten und dem Stiernacken Bahn durch das Gedränge, war im Nu darin untergetaucht.
Das ganze Auftreten des Mannes, sein hartes Wesen und dann die rätselhaften Schlußworte, das alles hatte einen starken Eindruck auf Hellwig gemacht. Und noch in seinem Zimmer grübelte er, suchte einen Sinn in dem mystischen Satz:
... Sie verrecken lieber im Straßengraben, weil sie frei sein wollen ...
Aber er fand keine Deutung.
6.
Im Kohlenbecken ruhte die Arbeit.