Von allen Seiten liefen Spenden ein. Sogar Wart Nikl leistete einen Beitrag. Kolben schickte tausend Gulden und schrieb dazu: „Noch einmal die gleiche Summe steht dir in vier Wochen zur Verfügung, wenn du sie brauchst. Es geschieht aus Freundschaft für dich, denn ich triefe nicht von Menschenliebe. Nenn meinen Namen nicht. Ich verzichte auf den blökenden Dank der Herde, verdiene ihn auch nicht. Halt dich tapfer!“
Das Geld wurde nicht verteilt, sondern zur Anschaffung von Lebensmitteln in großen Mengen verwendet. Mehrere Küchen mit riesigen Herden wurden aufgestellt, in denen das Essen für Hunderte auf einmal bereitet werden konnte. So waren sie in der Lage, länger auszuhalten.
Sparsamkeit war aber auch notwendig, denn Woche um Woche verging, in geschlossenen Schlachtreihen standen sich Arbeiter und Unternehmer gegenüber, niemand dachte ans Nachgeben. Alle Schächte lagen wie ausgestorben. Fünfzehntausend Bergleute feierten. Aber die Ruhe wurde nirgends gestört.
Im Dezember fiel starker Frost ein. Die Lagerbestände der Gruben waren vollständig geräumt. Der Kohlenmangel wurde immer empfindlicher, drohte zu einer Katastrophe für Industrie und Bevölkerung zu werden.
Und dann war die Kohlennot wirklich da. Die Preise für Brennmaterial wurden unerschwinglich. In den Gassen der Städte wurden die Kohlenfuhrwerke immer seltener. Und auch die wenigen mußten von Polizisten begleitet werden. Denn allenthalben strichen Leute mit Körben und Säcken durch die Straßen, klaubten die Kohlenbröcklein — wenn sie welche fanden — gleich goldenen Münzen auf, und wiederholt schon waren die Pferde ausgespannt, die Fuhren geplündert worden. Und die Eisenbahnzüge, die den kostbaren Brennstoff aus dem Rheinland und von England heranführten, rollten von der Grenze an unter Gendarmeriebedeckung. Trotzdem aber warteten längs der Schienenstränge Leute mit Stangen, Rechen und Harken, sprangen in die Bremshütten und warfen von den fahrenden Zügen die Kohle ihren Genossen zentnerweise hinab.
Noch bedrohlicher wurde die Lage, als eine große Maschinenfabrik nicht mehr alle Kessel heizen konnte, den Betrieb einschränkte und achthundert Gießer entließ. Andere Unternehmer folgten diesem Beispiel, und die Erregung wuchs ungeheuer unter den brotlos gewordenen Massen. Fast schien es, als stände das Land am Vorabend einer Revolution.
Beschwerden, Bittschriften, Drohbriefe liefen bei den Ministerien ein. Unternehmer, Kaufleute, Handwerker, die gesamte Bevölkerung forderte stürmisch von der Regierung Hilfe. Hohe Beamte gingen in das Streikgebiet ab, um zu vermitteln, zu schlichten und ein Ende der Not herbeizuführen.
Das Nachgeben fiel den stolzen Gewerken in ihrem Hochmut nicht leicht. Aber unter dem Druck der öffentlichen Meinung blieb ihnen keine andere Wahl. Widerwillig ließen sie sich zu Zugeständnissen herbei. Nicht alle Forderungen wollten sie bewilligen, doch was sie anboten, war immer noch so viel, daß es, gleich gewährt, genügt hätte, den Ausstand zu vermeiden.
So erging denn vom Regierungsvertreter an die Vertrauensmänner der Streikenden die Einladung zu einer gemeinsamen Besprechung. An Fritz Hellwig war sie gerichtet als den Leiter und Führer der Bewegung.
Er war eine stadtbekannte Persönlichkeit geworden. Man staunte über die straffe Organisation, die er förmlich aus dem Boden gestampft hatte, ließ ihm die geschickte Leitung gelten, lobte seinen lauteren Charakter und seine vornehme Kampfesweise.