Aber sein Leben bestand nicht mehr wie ehedem aus Tollheiten, Zechgelagen, Gaukeleien und Schabernack. Immer mehr trieb ihn das Bewußtsein des Wegsickerns seiner Tage zur Tat, zu seiner alleinigen Tat, für die niemand außer ihm prädestiniert war, vielleicht seit Anbeginn der Schöpfung, — außer dem zornigen Priester und Magier Gatamura, den ihm einstmals, in entrücktem Zustande, sein zweites Gesicht vorgewafelt hatte und an dessen schauerliche Tat er voll geheimer Hinneigung glaubte.
Darum war er nach Salzburg gekommen.
Es lebten hier zwei Menschen, deren er zu einem Plane bedurfte, welcher immer magischer in ihm Gewalt gewann. Paracelsus war der eine; der andere aber war der Fürstbischof selber, gelehrter Mineralog und aller geheimen Gänge und Schichtungen des Gesteines im bayrischen, salzburgischen und tirolischen Hochgebirge kundig. Faust brauchte den großen Alchemisten und er mußte die Kenntniss’ über alle Bergadern besitzen, ehe er groß werden und aufflammen ließ, was als geheimes Feuerlein in ihm glühte.
Es war die Stunde, zu welcher Paracelsus in die bischöfliche Bibliothek kommen sollte, um ungestört mit Faust über die geheimen Versuche beider zu reden. Faust fühlte auch jetzt, daß etwas Zähes und ihm Widerstrebendes gegen ihn herschlich. Das war Paracelsus, der die Treppen hinanstieg, voll Widerwillen gegen den, für ihn zu Unrecht berühmten Alleswisser.
Dennoch: Faust hatte ihm da eine wundervolle Entdeckung gebracht, die auch den Alchymisten in hohe Gunst beim Kirchenfürsten setzen mußte. Es war ein Sprengmittel, vieltausendmal fürchterlicher als Pulver und griechisches Feuer zusammen, von dem ihm der Doktor die Mitteilung gemacht hatte. Es blieb wohl noch das Schwierigste für den immer bekümmerten Laboranten zu suchen übrig, das hatte Faust von sich geschoben und ihm aufgetragen. Jenes Vernichtungsöl hatte schon in Ingolstadt einen forschungsgierigen Studenten zerrissen. Den Faust hätte es auch zweimal Leib und Leben gekostet, wenn er nicht seiner Sicherheit sehr gewärtig gewesen wäre und Christoph Wagner in Rimlich bei Wittenberg, der ebenfalls für den Doktor die gefährlichen Proben weiter besorgte, ging nur langsam und mit äußerstem Mißtrauen an die gefährlichen Versuche. Da sollte Philipp von Hohenheim, der Paracelsus, das Bad ausgießen und das fürchterliche Mittel zähmen! Ein stiller Grimm mochte darum im Innern des großen Forschers kochen, aber Faust hatte ihn gebunden; es konnte dem bettelarmen Arzte und Goldmacher mehr eintragen, als der vergeblich gesuchte Stein der Weisen. Der ewig von den aufwieglerischen Bauern bedrohte Fürstbischof, dem die neue Lehre bereits würgend nach der Kehle griff, bedurfte einer Zuchtrute, so gewaltig wie das Flammenschwert eines Cherubs, um sich das widerborstige Volk zu zwingen.
Wenn die Bischöflichen von ihrer Feste zu Hohensalzburg, bei der ersten, sich bietenden Gelegenheit eines neuen Bauernaufstandes, nur zwei oder drei Bomben mit jenem entsetzlichen Gewaltöl unter die Knollfinken geschleudert hatten, damit war Friede gemacht. — Dort oben dann lachten sie wie Götter, und unten wimmerte das zertretene Gewürm. Wenn die beiden Gelehrten dem Bischof alle Macht gesichert hatten, — „im Himmel und auf Erden“; dann hatte der alternde Theophrastus Nahrung für seine letzten Tage. Mochte es denn sein.
Er trat zu Faust in die Bücherstube ein, mit seinem behutsam zögernden Schritte; forschende, traurige Augen auf den Schwarzroten gerichtet.
„Ich freu mich, zu sehen, daß das Teufelsöl Euch nicht hat zu Leibe gehen können,“ sagte Faust spähend.
„Wenn mans in reinen Gefäßen erzeugt und gänzlich verschlossen bewahrt, dann hälts eine Weil; niemals gar zu lange. Weh dem aber, ders mit Öl oder Terpentin, auch Fett oder Harn zusammentuen wollt! Da zerreißt die kleinste Prob ein Stück Welt ringsumher. Sogar Staub darf nicht drankommen!“