„Ehe Ihr nicht das Größte vollbringt, was jemals ein Mensch getan,“ fuhr Helena ganz betreten fort, als sie seine weitauf prüfenden Augen sah.

„Ihr ahnt? Und grüßt mich dennoch so?“ fragte Faust in einer Erschütterung, die ihm selber unerklärlich übers Herze rann. Da neigte sich das stolze und schöne junge Weib über seine beiden Hände, die sie immer noch umklammert hielt und küßte sie.

Stainer starrte ihn, wortlos geworden, an. Nein, da war kein Siegeslächeln eines glücklichen Verführers. Er aber litt nur um so mehr, weil er seine Base liebte; liebte mit aller Inbrünstigkeit des Leibes und der Seele, die nichts anderes begehrt, als den Tod oder den milden Ton der einen, tröstenden Stimme.

Faust, ohne einen Zug in seinem traurigen Antlitz zu verändern, trat, etwas vorsichtig und zögernd, ans Fenster, aus dem er, in gebührender Ferne, ruhig wartend auf die unten turbulierende Menge hinuntersah, nicht anders, als wie ein geruhiger Mann, der auf das Ablaufen schmutzigen Wassers bei einer Überschwemmung wartet. Wohl blickte er einmal nach den beiden mit entschuldigender Geste zurück. Einmal, dann noch einmal. Sonst tat er nichts, was einer Verbindlichkeit oder Werbung für die schöne Jungfrau gleichgesehen hätte.

Helena sah nach dem Seltsamen hin. Ihre Augen schwammen in unwirklichen Träumen.

Es war große Stille im braunverbälkten Zimmer, und drei Herzen klopften, jedes in ganz anderem Schlage. Das eine zuckte in Verachtung und Hohn; zugleich in Sorge, es könnte ein neuer Fallstrick Gottes um sein Herz sich ringeln. Das Jungenherz ergrimmte sich in namenlosem Trotz und Weh, weil es, zwischen dem Meister und der Seele aller Seelen, eine unreine Verbindung fürchtete. Helena war verzaubert und liebte. Sie liebte mit jener wunderbaren Verseeltheit, die niemals ein Mann verstehen kann.

Manchmal hatte auch der Faust über Ähnliches gegrübelt: „Es heißt, das Weib wäre die Materie und der Mann die Erlösung und Abkehr? Und dennoch begehrt der Mann stets den Körper, das beste Weib aber immer jenes, was man mit dem Wunderworte ‚Wesen‘ ausdrückt.“

„Nie sehnt sich ein unberührtes Weib nach rasender Umarmung anders, als um, gegen ihr reines, eigenes Gefühl, zu beweisen, daß es, liebend, auch erdulden kann.“

„Kein schöner Junge wird das jemals verstehen und ergründen.“