„Hätt’ ein Mensch mir das gesagt, mit lieben und eröffnenden Worten, was heute ich dir sage, ich wäre vielleicht ein schmiegsames Kind Gottes geworden. So aber hab’ ich dieses mein Wort immer zurückgeworfen bekommen wie einen gehässig vermeinten Steinschmiß. Immer wieder hat mir alles in der Schöpfung dieses Ich wieder ins Gesicht zurückgeschlagen und schon hab’ ich vermeint, daß ich zu Unrecht dastände, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß jegliches andere Ich sich, wie um Leben und Seligkeit, selber gegen meines wollt aufspielen; wär es auch so dumm, so räudhundsgemein und stinkig vor Gott und aller Welt gewesen, wie ein krummbeiniger Köter. ‚Ich, ich, ich‘ das ist aller Welt Frechheit. Du allein hast es mit einem Ton geredet, als wäre es dir geliehen und wäre ein zerbrechliches Gut, das du nur schnell und heil weiterliefern müßtest. Vor dritthalbtausend Jahren warst du vielleicht der Jünger Johannes. Und daß er zu mir kämet, wäre sowohl dem Johannes gut gewesen, als auch mir. Denn du weißt, ich begehr dieses Lebens und dieser Welt nicht länger.“
Der Zuweitgeratene, welcher sich ‚der Faustus‘ zu nennen vermaß, schwieg eine Weile und dem Schüler klammte das Herz, weil er fühlte, er war nunmehr gänzlich erwählt oder gänzlich verworfen.
Im Innersten zuckte es ihm auch empor, es könnte das gar beiden Eins sein, wie eine Kugel oder ein Ring sich ründen.
„Das ‚Ich‘ muß weg,“ sagte Faustus gedankenvoll. „Du selber weißt es und hast es heute Nacht in dir erlebt. Ich weiß, mehr als du, wie sehr du die Innsbruckerin mit dem griechischen Namen liebst.“
Der Bub’ sah zu Boden.
„Ich weiß auch, daß du jeden auf Leben und Tod herausgefordert und erstochen hättest, der sie dir nehmen gewollt. Da sandte der, den du und Euresgleichen mit ‚Gott‘ anruft, ein klein grau und bucklet Männlein, das trieb mit aller Welt Zauberspäß, nur nicht mit der Jungfrau neben dir, und sie warf ihm ihre Seele zu. Ich hab’ ihrer niemals begehrt, aber du bist mir damit zugefallen. Es steht ein geheimes Leuchten in dir, das weiß ich; das ist der Tod. Aber es steht unabirrbar in dir, weil du weißt, auch ich müsse sterben, auch sie, auch alle, die sie dir später nehmen wollten und könnten. Ich hab’ ein lebelang gebraucht, um dahinzukommen, daß diese Welt zerschmissen werden muß. Du hast bloß ein Mädchen verlieren müssen. Der eine Weg war weit, der andere gar kurz. Beide sind unfehlbar die rechten.“
„Meister, ich hab sie geliebt, weil sie schön, aber mehr noch, weil sie rein ist. Das ist so viel! Mancher Christ, ja sogar mancher Jud’ würde die heilige Jungfrau erfinden wollen, wenn die wirkliche abhanden käm in den Herzen der Menschen.“
„Hast recht, hieß auch seit ewigher mit anderen Namen — war immer dieselbe,“ sagte Faust. „Erst wann wir verlieren — — du Jungmensch! Merk wohl auf: Du wirst dich noch verzweifelt an dein eigen Leben klammern, wenn es soweit ist, daß wir die Lunten anlegen an Gottes Spottgebastel! Merk’ dir das: Sein Leben gewinnt man nur im Rausch, sein Leben verliert man nur im Rausch! Im Augenblick, wo du hilfst, diese Welt auseinanderfetzen, bist du Gottes Ebenbürtiger! Das darf keine Eitelkeit sein! Eitelkeit kann nicht ohne Spiegel bestehen. Wenn du aber jenes tust, dann gibt’s keine Spiegel mehr. Aber das lästerliche, lächerliche Ich hast du ausgerottet und ich mein’, du rinnst in diesem einen Augenblick, da du dich mit allem Geschöpf dahingibst, mit Gott zusammen, mehr und größer als Christus!“
„Was meint Ihr, Meister,“ sagte der Scholar nach einer Weile und immer noch schaudernd, aber magisch angezogen: „Was wird der oder das, was Ihr mit Gott meint, nachher tun?“