„Ihr freut Euch nicht?“

„Ich weiß nicht: ich bin ungeziemlich weit weg von diesen, einstmals lieben Dingen,“ erwiderte Faust freundlich und fast bewegt.

„Aus Alter nicht,“ sagte der Student.

„Ich will mit dir reden,“ begann Faust nach einer Pause des Nachdenkens, welche dem Worte des Jungen gefolgt war, der halb dem Meister schmeicheln und Liebe erzeigen gewollt und halb die Urkraft fühlte, die in dem stets unheimlichen Manne lavagleich verborgen und versenkt schien. Immer ahnte man an ihm jene Ströme von Kraft, die zu besitzen sich sonst nur die Jugend vermißt. Hier waren sie nicht nur geblieben, sondern sie hatten sich zu ganz geheimnisvollen Figuren geordnet.

„Ich will mit dir reden. Warum meinst du wohl, daß ich dich zu mir gelassen habe und dir mein Herz weiter aufgetan, als irgend einem Menschen? Denn sogar deinem schönen Mädchen würde ich nicht geben, was ich dir eröffne.“

Der junge Mensch schwieg, aber er trabte pochenden Herzens neben seinem Meister her. Da stieg Faust vom Saumtier, rief den Diener und gab ihm die Zügel: „Reit immerzu mit den beiden Mäulern sachte voraus und erwart’ uns in Hallein.“

„Nun gehen wir zu Fuße nebeneinander wie zwei Handwerksgesellen und das wollen wir auch sein,“ sagte Faust milder und vertraulicher, als der Student sich’s je erwartet und vermessen hatte.

„Ich habe dir von Anbeginn an zugehört und dich aufmerksam beachtet, wie du das Wort ‚Ich‘ in den Mund genommen hast! Die Menschen lernen es verbergen das ‚Ich‘; manche lernen nicht einmal das. Aber horch auf: Der geheime Ton, mit dem ein Mensch das Wort Ich in den Mund nimmt, verrät ihn rettungslos! Es hab’ einer nun eine Nürnberger Uhr in der Taschen und sage bloß: ‚Ich hab’ erst Glock Eins nach Mittags,‘ so hörst du aus demselbigen Ich die ganze Beleidigung, daß ein anderer Mensch oder eine andere Turmuhr sich vermessen könnten, eine andere Zeit zu zeigen; — auch wann die Sonnen drei Uhr nachmittags zeigte! Gibt es das? Ja? Jetzt lachst du, und ich hab’ doch aller Erden größtes Elend berührt. Denn ich sage dir’s: Ist das Gefühl, mit dem wir dem Wurme oder den Sternen zusehen und das uns sagt: ‚Das bist du selber,‘ das allergöttlichste, so ist das Wort Ich das jämmerlichste und schandbarste, das Gott, in einer namenlosen Verhöhnung dieser Erde, schuf, oder entstehen und gelten ließ. Es gibt ein freudiges Ich edler, unbefangener, junger Leute; das kommt so frisch wie aus Gottes Odem daher und niemand nimmt’s ihnen krumm; weiß auch jeder, daß dasselbe Ich gerade bei Denselbigen später ein sehr beschämtes und verschüchtertes werden wird, weil solche frische Menschen den Urgrund all’ der Lüge ahnen, der eben in diesem Ich bestehet.

„Dazu muß mancher alt werden wie ich selber, der ich das aufdringliche Wort wie Trompetenstöße in die Welt hinausschreien gemußt, lächerlicher als der Kuckuck sein’n Namen! Eben weil ich merkte, wie sich alles darwider stemmte, rief ich’s umso trotziger.