Der verlorene und gestörte Schüler stand hüstelnd am Abgrunde des Felsenschachtes und sah glasaugig zu, wie die Fässer mit dem Hirschhorngeiste, der entsetzlich aus ihnen hervorstank, in die Tiefe gelassen wurden. Da trat ein Wesen neben ihn und erfaßte flehend seine Hand, kniete vor ihn hin, küßte gar diese seine eiskalte Hand. Er starrte sie an.
Der kahle Wintersonnenschein fiel auf ihr wirres Haar, und obwohl das nach Art einer Begine nonnenhaft gekleidete Wesen an den Schläfen ganz weiß geworden war, so erglühte noch ihr Scheitel, wie sie die Stiftsfrauenhaube zurückzog, im traumhaften Golde einer zersprungenen, seligen Erinnerung.
Helena!
Der Bube starrte seine Base an.
Eine Zerstörung ohnegleichen hatte über diese rührende Schönheit hinweggefegt. Um die Augen waren Gramsprenkel ringsumher und tiefste, tierische Angst starrte heraus, wenn man in ihre Sterne sah. Der Mund war scharf und heruntergezerrt; ein Winkel hing willenlos und greisenhaft hernieder und nur die feine, klare Nase war sich ähnlich geblieben. Bloß war sie leidvoll schmal und kindlich geworden.
Immer noch starrte der Student in die Verwüstung. Unfern von ihm saß der Faustus; der schien davon zu wissen und hatte seinen zottigen Kopf wie ein Trotzender vergraben. Alles kam dem Studenten wie ein grauenhaft unwahrscheinlicher Traum vor. Er rang nach Atem und bekam einen ganzen Schwall Höllenluft in die Lungen. Jetzt sah er in die Tiefe. Da wirrten die Schnüre hinunter, liefen die Taue der Flaschenzüge, an denen immer neue Fässer voll Stank in das Eingeweide der Erde versanken.
Mit einem neuen Entsetzen stierte er wieder auf die, welche seine allerschönste und allerfernste Base gewesen war.
Die nickte traurig und jammervoll. Aber es schien, als sei ihr die Gabe der Rede völlig geschwunden. Genau ebenso, wie jene ungebornen Kindlein, die sie in ihrer rasenden Sehnsucht und Bezauberung gesehen, so bewegte sie die mümmelnden Lippen. Es sah elend und herzzerstechend aus, aber sie brachte kein Wort hervor und keinen Ton.
Die Knappen wimmelten an den Wänden des Schachtes umher, klebten daran oder hingen an Seilen, alle hüstelnd, so daß es wie ein ewiges Ticken und Tröpfeln klang; alles ganz unwirklich. Alles ameisenhaft. Alles wie heller Hohn auf Menschen. Gold glaubten sie zu erkrabbeln und fingerten und hantierten für den entsetzlichen Tod. War es jämmerlicher oder war es verächtlicher, daß all’ das einen solchen Sinn hatte? Und das ganze Leben, war es nicht dasselbe Fingern und Hantieren und Wimmeln um einen sicheren Tod?