Wahrlich, die konnte schluchzen!

Vom Famulus war keine Spur zu sehen. Der war in Nichts zersprüht worden. Der Gebenedeite! Er war es los und ledig. Vor Fausti eigenen Augen aber war die ganze Kraft seines Manneswillens vernichtet. All sein Wesen zerstob mit in diesem Mißlingen. In ihm blieb nichts mehr. Plötzlich kam eine grauenvolle Angst über den Täter gekrochen. Alles mißlungen und er der Schuldige? Der goldene Galgen? Der Haß und das Geschrei der unsagbar verächtlichen Menge, die er wegschaffen hatte wollen? In die Hände der Menschen fallen? In die Hände der ewigen Niedrigkeit und Häßlichkeit? Der Mann war dahin, — zum ersten Male erwachte das kindische Alter.

Da rannte er um sein Leben; er, der aller Leben hatte gefordert.

Immerzu gegen Nordwesten, wo die Grenze am nächsten war. Er mußte das Finstermünz gewinnen, ehe ihm die Ferdinandischen Reiter oder die Spione des Chrysoloras auf dem Halse waren.

Die Angst griff ihm erbarmungslos ins Genick. Er stolperte, raffte sich auf, überlegte, sparte bald Kräfte, dann schund er wieder aus seinem alten Leibe mehr Eile heraus, als der hergeben konnte.

Den Rhein hinunter, am Bodensee auf kleinem Kahn, bettelarm und ohne Hilfe, als sein Flehen bei armen Leuten schuf, die ihm kümmerliche Nahrung gaben, so kam der Faust in Kostnitz an und wagte dort aufzuatmen; aber nur wie einer, dem Frist, nicht Gnade gewährt worden war. Er schrieb einen langen demütigen Brief an den römischen König über sein Unglück und wie der Student das Unternehmen vorschnell zerstört hätte. Man möge die Chrysoloras ausfragen, die dabei Zeugin gewesen sei: er hätte sich nicht vor der Rache oder Strafe seines gnädigsten Herrn, die er ganz und gar nicht verdient, sondern nur vor dem Grimm des Bergknappenvolkes geflüchtet. Und damit ging es weiter; — unwürdig, klein, zerbrochen, zitterndes Gebettel um’s Leben und um den armseligen Tag!

So war Faust geworden.

Immer saß ihm das Grauen im Nacken. Er wußte, einer setzte im stetiglich nach; er spürte es im Wachen und im Traume und er gebrauchte verzweifelnd alle seine verwirrenden, magischen Betrüge, um den zu verhindern, zu verschrecken, aufzuhalten, abzulenken, vor dem er so namenloses Grauen hatte. Aber er fühlte, es hülfe wenig. So zerrte er sein jämmerliches Leben weiter rheinabwärts, am brausenden Falle vorüber, ohne auch nur einen Augenblick zu denken: „Wirf dich hinein.“

Nur in Sicherheit sein, nur atmen, nur leben dürfen!

Damals waren das Elsaß und der Breisgau die einzigen und letzten Stätten im ganzen römisch-deutschen Reiche, wo Landfahrer aller Art, Gauner, Nigromanten, Hochstapler und Dirnen noch Unterschlupf fanden, wenn sie anderswo schon überall ausgetrieben und verbannt und verhaßt waren, gleichwie Faust. Daß der Breisgau dem Hause Österreich zugehörte, kümmerte den Faust nicht so sehr, denn Kaiser und König waren mit ihm in Schuld und er hatte meisterlich verstanden, sich zu reinigen und zu verantworten. Mochte man den Urteilsspruch über den längst zerrissenen Buben ergehen lassen, damit sich das Volk beruhigte. Ihm konnte von der allerhöchsten und mitschuldigen Stelle nicht leicht etwas widerfahren, weil man seine hinterlassenen Aufzeichnungen fürchten mußte, nun er Zeit gehabt hatte, die in Sicherheit zu bringen. Das hatte er dem römischen König auch zu merken gegeben: er möge seines eigenen Rufes, zugleich mit Fausti Leben, schonen.