Nichts, nichts. Zerstürzt, verjammert, verhöhnt und umsonst war dies Jahr gewesen, wie alle andern. Der tiefgebückte, graue Faust, der jetzt noch viel älter aussah, als er war, saß, krummgezogen von seinem Elend und seiner entnervenden Kleinheit im kahlen, scharfriechenden Laboratorium und fror jämmerlich. Niemand fachte ihm Feuer an. Zuletzt, als er zu all’ seinem Elend den Schüttelfrost bekam, stand er doch selber aus seiner müden Willenlosigkeit auf und legte Scheite und zusammengescharrtes Reisig in den Kamin. Aus der Stadt herüber schlugen die Uhren die elfte Nachtstunde. Der Südwind fegte durchs Rheintal, kam aus dem Münstertal herzu und umkreiselte heulend das Haus. Die Flamme kämpfte und Faust schaute dem unschuldig gebliebenen Höllenkinde zu, das er immer geliebt hatte. Die Wärme kroch an ihn heran. Etwas, wie eine Bereitschaft, weiterzuleben, wagte in ihm, schmerzlich zuckend, aufzuwachen. Er dachte daran, wie jetzt in den Reben vor seinem Häuschen ein erstes Ahnen aufträumen mochte, daß es wieder ein Weinjahr geben könnte. In diesen Tagen stellten die Weinbauern die abgeschnittenen Probezweiglein ins Wasser und beobachteten scharf, wieviel Kraft heuer in den Ranken angesammelt sein möchte. Trieben sie übermütig und viel, so war, wenigstens der Menge nach, ein gutes Jahr zu erwarten. Faust dachte daran, wie die Weingärten den ganzen Berg über dem Städtlein bis zum Schlosse hinaufkletterten und im Sommer übermütig grüne Fähnlein schwenkten. Wär’ man doch nur eine Pflanze! Wär’ man doch nur eine Rebe und kein Mensch! Wieviel Freuden, wieviel Erlösung geben die. Und er?
Ach, er wäre auch als Weinstock so geworden, daß bei dessen Trunk die Menschen sich viehwütig in die Haare und an den Hals gesprungen wären!
Er hatte der Liebe nicht. Er war verflucht und nun mußte er noch erleben, daß er zur Kleinheit verflucht war. Das hatte er noch niemals in seinem Leben wahrhaben wollen.
Was kam noch? Was stand noch vor ihm?
Eine Uhr tickte stark und langsam in der Stube des Faust. Die eisernen, großen Räder taten einen harten Gang durch Myriadenstäubchen der Zeit hindurch, welche sie messen mußten. Hoffnungslos horchte der Faustus hin. Es ist ja dem gesunden Menschen zu Nacht schon das Uhrticken oft, als versickere da sein Blut und er müsse zuhören, wie ein jedes Tröpflein, mit dem Pendelschlagen zugleich, in den unterirdischen See der Trostlosigkeit hineinträufelte. Nun aber er, in des Jahres letzter Stunde: in eines solchen Jahres letzter Stunde! Gealtert, elend geworden, ruiniert bis in den letzten Winkel der Seele. Und dabei das habgierige Anklammern des beginnenden Greises im Herzen, das sich mit einem Male sonderbar geizig werdend, mit mageren Avarenfingern an das abgedorrte Leben krallt.
Die Uhr ging, gleichmütig, als stünde sie da als Anwalt des Gottes wie er ihn sah: ewig gesetzesstarr, fühllos, und mit der gleichen Grausamkeit. Aus verödeten Augen sah der Faustus hin auf sie und verstand sie.
Eisiges Grauen kroch ihm über den sorgenhohgewordenen Rücken herauf. Er wollte die Gespensterkatze, die ihm da am Buckel entlangschlich, wegschütteln und fuhr herum. Da sah er in einen Spiegel und erblickte sich selber. Er entsetzte sich mehr, als wenn er irgend etwas Jenseitiges gesehen hätte.
Unmöglich war es, daß er sich auch nur einen Augenblick länger betrachten konnte. Er wendete sich trostlos und dumpf verzweifelnd nach dem Fenster und wollte in die Nacht schauen. Denn da war doch wenigstens das Nichts; nicht das zerreißende Etwas, der anklagende Rest dessen, der sich Faustus genannt hatte und der ihn leerer ansah, als ein Gespenst.
Da aber ward es nur schlimmer. Menschenaugen, freche Menschenaugen stierten aus einem ledergelben, breiten Angesicht von draußen auf ihn.
Deutlich sah er die Augen und einen grinsenden Mund mit mehreren, ungleichen, schwärzlichen Zähnen. Da ging es einmal umgekehrt, als wie es bisher immer ergangen war, wenn der Doktor Johann Faust mit Menschen zusammengeraten war. Er wurde wie eine erstarrende Schlange; er vermochte kein Glied zu rühren und in diesem Stücke Holz, zu dem er erkaltet war, flossen nur unbeschreibliche Ströme des Entsetzens hinauf und hernieder.