Der Kutscher ließ melden, es sei angeschirrt. Sie sagte: „Gleich, gleich!“ und las weiter.

Die Pferde standen und scharrten, der Portier brummte, der Kutscher schlief auf dem Sitze ein, sie oben hatte alles vergessen. Ball und Wagen, Bediente und mich, die ich mit meiner Stickerei hinter ihr saß und nichts hörte als ihren jähen, schnellen Atem, das hastige Herumreißen der gelesenen Blätter und immer wieder das leichte Aufschlagen einer Träne auf das Papier. Es klang, wie wenn der Föhnwind mit einzelnen verirrten Regentropfen gegen ein Fenster tippt.

Und zwei- oder dreimal hörte ich sie ganz leise und innerlich schluchzen, wobei die liebe Stimme so hoch und rein dahinzog wie der Ton einer Geige.

Gegen Mitternacht ließ sie den Wagen abschirren. Sie las weiter bis 2 oder 3 Uhr; bis zur letzten Seite und war dann so erregt, blaß und unglücklich, und doch so beseligt und schön, daß ich mich wunderte, warum noch kein Mann um dieser Frau willen gestorben sei.

„Ach,“ sagte sie mir unter Tränen. „Ich habe ja bis heute niemals gewußt, was Liebe ist! O könnte ich leiden um der Liebe willen! O gebenedeiter Monsieur Werther, o beneidenswerte Lotte! Seliges Unheil! Wie geheiligt ich bin! Sagen Sie doch: Wie sieht dieser Monsieur Goethe aus? Was erzählt man sich von ihm?“

Seit jener Nacht wünschte Madame dringlichst, einmal in ihrem Leben eine wirkliche Liebe zu erleiden.


Und es kam, wie sie wünschte.

Unter ihre Gäste hatten sich in jener Zeit viele jüngere Leute gefunden, die ihre Augen sicherlich nicht zu der schönen Herrin des Salons zu erheben wagten. Es waren beflissene und ehrgeizige Menschen, die bei dem einflußreichen Bekanntenkreise Madames Gelegenheit zu einer erfolgreichen Karriere zu finden gedachten. Zu diesen Leuten gehörte auch ein junger Artillerieleutnant, der eine recht armselige Uniform trug; ein Mensch mit gelbem, magerem Gesicht, wirren Haaren und wirren Reden, die er, stets aufgeregt, in einem nicht sehr gewählten Französisch von stark italienischer Aussprache hervorstieß.

Da sein Taufname ungemein fremdartig war und durch die korsische Aussprache noch viel lächerlicher klang, so nannte ihn die stets lachlustige Reinezabelle nie anders als mit diesem Namen: Leutnant Naboulione.