Eines Abends war man ungemein aufgeregt. Der König war hingerichtet worden, und Ducrac gab im Salon, Frau v. Vermillon zuliebe, die Generalprobe zu einer fürchterlichen Rede, die er kommenden Tages im Parlament zugunsten weiterer Adelsguillotinierungen halten wollte. Es war schaurig schön; alles applaudierte und prophezeite seiner Rede den besten Erfolg.
Naboulione stand tiefbefriedigt nebenbei. In manchen Dingen erwies er sich schon damals als der geniale Mensch, der später auch den praktischen Erfindungen seiner Zeit weit vorauseilte. Damals hatte er, im stürmischen Drang, seinen Hunger zu stillen und dennoch den Gaumen mit all den reizvollen Genüssen zu bedienen, die man hier als Erfrischungen umherbot, auf einem Brötchen folgende Dinge zusammengestopft: ein Stückchen Käse, ein Stück Salmen vom Schwanzteil, einen Essigpilz, etwas Räucherfleisch, eine Olive und ein wenig Butter[1].
Daran fraß er, beständig abbeißend. Nur die Revolution machte solche Unsitten salonmöglich.
Als nun Herr Ducrac seine Rede beendet hatte, versicherte Madame mit großer Lebhaftigkeit, es sei die höchste Zeit, daß die Adeligen ihre Stellen räumten, um sie den unverbrauchten Kräften der Republik abzutreten. Sie selbst habe, teils aus Überzeugung, teils aus Sorge um den Kopf ihres Mannes, den Admiral de Vermillon bewogen, seine Stelle niederzulegen und sich ins Privatleben zurückzuziehen.
„Unmöglich!“ schrie entsetzt Leutnant Naboulione dazwischen.
Reinezabelle fragte ihn, warum er so böse sei?
„Weil ein Mann auf seinen Posten gehört. Weil es von einem Kommandanten schändlich ist, aus Sorge um seinen Kopf sich den Pflichten zu entziehen, die er noch nicht einmal erfüllt hat! Marseille ist schlecht armiert. Es mangelt dort an Artillerieoffizieren. In Marseille ist Admiral Vermillon notwendig, in Paris als Privatier höchst überflüssig!“
„Aber mir ist er nicht überflüssig,“ sagte Madame, der es Freude machte, ihn mit ihrem Manne zu necken, in schuldlosem Ton. „Ich habe ihm selbst geschrieben, zu mir zu eilen in einer Zeit, wo Liebe, Treue und zartes Gefühl teuer zu werden beginnen. Ich habe ihm heute bei der Nationalversammlung sein Entlassungsdekret erwirkt. Aber, Herr Leutnant! Sehen Sie mich nicht so böse an. Sie werden mein täglicher Freund bleiben, auch wenn der Admiral zu Hause ist.“
„Sie zerreißen das Entlassungsdekret! Nicht wahr, Ducrac, es ist doch zu annullieren?“ bat der tolle, kleine Mensch.
„Aber im Gegenteil,“ rief Reinezabelle. „Ich habe es heute mit der Eilpost abgeschickt und ...“