»Menschenstudien, gnädige Frau. Köln ist ein Hauptstapelplatz für Typen jeglicher Art.«

Sie sah mit einem mokanten Zug um den Mund zu ihm auf. »Ich werde mich also fürchten müssen.«

»Ich habe nicht den Vorzug, Sie so genau kennen zu dürfen.«

Einen Augenblick sah sie zur Seite, als suchte sie etwas. »Graue Augen hat die Katze,« dachte Otten, »sie will mit mir spielen. Ein graues Auge — ein schlaues Auge — —.«

»Mein Mann,« begann die Dame des Hauses nach kurzer Pause, »wird bereits ungeduldig, daß ich ihm Ihre Gesellschaft so lange entziehe. Ihre Freundschaft muß eine sehr bewährte sein, daß Sie so schnell schon zu ihm eilen. Mein Mann ist darin rührend alte Schule. Freundschaft, Liebe, Freiligrath und Rüdesheimer. Sie haben sich den Anspruch darauf verdient. Ich beurlaube Sie einstweilen, Herr Doktor.«

»Mein lieber Joseph,« sagte Lüttgen, nahm seines Gastes Arm und drückte ihn herzhaft. Über den Korridor führte er ihn ins Rauchzimmer, um dem Schwarm der Gäste zu entgehen. »Du erlaubst doch, Joseph, daß ich dich noch du nenne? Trotz der Ironie meiner Frau. Ich kann keine schönen Worte machen, ich bin Fabrikant und basta. Aber das hindert nicht, dir zu sagen, daß ich mich bärenmäßig freue, endlich einmal einen vernünftigen Menschen in meinem Hause zu sehen. Sag schnell, was du trinken willst: Rhein? Mosel? Bordeaux? Rheinwein, das ist schön! Mosel ist Modesache, aber Rheinwein — na, wir beide brauchen uns nichts zu sagen. Prosit, Joseph! Auf neue alte Freundschaft!«

»Prosit, Lüttgens Karl! Du imponierst mir!«

»Ach du —!« Der Fabrikant stieß seinen Gast in die Seite. »Du willst dich wohl auch lustig machen. Aber wenn du wüßtest, wie ich schon auf der Schule an dir gehangen habe. Nur zu schwerfällig war ich, so recht an dich heranzukommen. Und nun — nun gehört man schon zum alten Eisen.«

»Oho! Pereat! Das sagt ein junger Ehemann?«

»Nein, mein lieber Joseph, das sagt eine junge Ehefrau.«