»Weißt du, weshalb sie so still sind, Moritz? Weil sie von Bonn kommen.«
»O nein, Herr Doktor.«
»Bau auf die Erfahrung. Bonn ist die letzte Etappe ihrer ungeteilten Jugendseligkeit. Von dort dienen sie nur noch dem Alltag, und in Holland verrinnen sie im Sande.«
»Auch der Niederrhein hat jedes Jahr seinen Frühling, Herr Doktor. Und man empfindet ihn noch viel stärker als in gesegneteren Ländern.«
»Ich bin hier, um es abzuwarten. Wenn’s nur kein Altweibersommer wird.«
»Schauen Sie,« sagte Moritz Lachner, »dort hinaus liegt Bonn.«
Otten klopfte dem jungen Begleiter die Schulter. »Hast recht. Dort liegt Bonn. Für dich. Aber die Wasser, die einmal ins Strömen gekommen sind, fließen nicht mehr den Berg hinauf. Und es ist doch ein ganz verdammtes Gefühl, zu denken, sie fließen in die Niederlande, um alldort im Sande zu verrinnen.«
»Aber die Straße bleibt, die sie durchzogen haben. Von der Quelle bis zur Mündung. Und alle die Stationen.«
Joseph Otten blieb stehen. »Das hat dir ein guter Geist eingegeben. Mich faßt in diesem grauen Heimatland, über dem schon die holländischen Nebel liegen, immer diese seltsame Melancholie, die nichts ist als Sehnsucht nach der Farbe. Und ich brauch’ mich doch nur umzuschauen und sehe die Spur meiner Erdentage in allen Regenbogenfarben schimmern. Das ist sehr lehrsam. Denn man merkt, daß es auch Regentage geben muß, um am Regenbogen zu erkennen, wieviel Sonne dahinter liegt. Es mag undankbar erscheinen, aber am liebsten pfiff’ ich auf diese Erkenntnis und stände dahinten, wo die Sonne scheint. Auf die Gefahr hin, ewig unwissend zu bleiben. Na, werden wir klug!«
»Dort kommt ein Nachen.«