»Dann müßte die geistliche Verfolgungssucht zuerst aus der Kultur ausgeschaltet werden.«

»Verfolgungssucht in religiösen Dingen schafft immer Unfreiheit, niedere Instinkte. Ein Glaube, der jeden anderen wütend ausschließt, muß in sich selbst zum Aberglauben werden, genau wie ein Geschlecht, das immer nur unter sich heiratet, entartet.«

»Das werde ich bei meinen Arbeiten nicht vergessen, Herr Doktor.«

»Schau dir Köln an, wie es vor hundert Jahren, wie es zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts aussah. Das ist ein Schulbeispiel. Nur durch die Unduldsamkeit seiner geistlichen Behörden war es zu einem schmutzigen, finsteren Nest herabgesunken, das kaum vierzigtausend Menschen beherbergte. Und was für Menschen. Das ist der springende Punkt. Die Hälfte, an die zwanzigtausend, Pöbel, die Miliz der Orden. Und als Gardetruppe darunter fünftausend Bettler, fünftausend Tagediebe, eine Bedrohung jeder Intelligenz, als Gilde anerkannt, nur auf Müßiggang verpflichtet und Drangsalierung anständiger Bürger, denen sie zum Mittagessen in die Häuser rückten ›von Gottes wegen‹! Und diese vertierte Gesellschaft durfte selbst ihre Plätze an den Kirchentüren erblich hinterlassen oder als Heiratsgut ihrer Töchter in Anrechnung bringen! Erst als die französische Revolution den dumpfen Aberglauben aus den Gassen hinausfegte, als auch die Vernunft als ein göttliches Teil anerkannt wurde und Ehrfurcht forderte, schien die Sonne aufs neue über Köln, und es kam ein Frühlingsdrängen, ein Frühlingswunder über die Stadt, daß sie binnen kurzem eine Größe, Schönheit und Bedeutung erlangte, wie es ihr in solchem Maße selbst in ihren geschichtlichen Glanztagen nicht beschieden gewesen war. Der Bürger gab dem Bürger die Hand aus gemeinsamem Bürgersinn! Aus gemeinsamem Kulturinteresse! Und diese Art Religionsübung ist dem Herrgott immer die wohlgefälligste. Wir sehen’s am Segen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Doktor!«

»Keine Ursache. Aber wir wollen von was anderm reden.«

»Ich könnte noch lange zuhören.«

»Lieber Moritz, ich will deinem Professor in Bonn nicht vorgreifen. Der Mann wird für seine Leistung bezahlt.«

»Dann werde ich Sie als meinen Gläubiger eintragen, Herr Doktor.«

Sie waren aus der Stadt herausgekommen und spazierten im Bayental das Rheinufer entlang. Die graugrünen Wasser zogen fast lautlos an ihnen vorbei.