»Gern, Moritz. Auf Wiedersehen.«

Das Straßenleben lenkte Otten ab. »Doch ein famoses Nest, unser Köln. Ich lieb’ es, wenn die Gegensätze aufeinanderstoßen. Das hält das Blut in Fluß. Diese göttliche Lebensfreude und dazu diese ewige Himmelsbereitschaft. Da läuft schon wieder ein Trüppchen in die Kirche. Besser ist besser.«

»Jetzt ist doch keine Messe,« sagte Moritz Lachner und zog die Uhr.

»Keine Messe? Ist es noch nicht so weit? Übrigens: seit wann interessierst du dich für den Katholizismus?«

»Ich interessiere mich für jedes Glaubensbekenntnis. Ich soll doch mit den anderen leben.«

»Hör mal, Moritz, das war ein gescheites Wort. Wer mit seinem Nächsten als Bruder leben will, sollte vor allem den Herrgott seines Bruders kennen lernen, und er hat den Faden zu seiner Seele. Aber in der Beziehung steckt unsere hochgepriesene moderne Zeit noch immer im dicksten Mittelalter, und die Schule hüllt sich in heimtückisches Schweigen. Ist das nicht ein klägliches Zeichen? Unsere gebildeten Schüler lernen den Kultus von Isis und Osiris und die Molochsgebräuche auswendig, daß sie sie des Nachts wie ihr eigen Vaterunser aufsagen können. Aber der junge Katholik weiß vom Protestanten nicht viel mehr, als daß er ein Ketzer ist, und Wesen und Gebräuche der katholischen Kirche bleiben dem jungen Protestanten unheimliche Rätsel. Mit den Jahren wird das Brett vor dem Kopf noch etwas dicker. Von der jüdischen Religion will ich gar nicht sprechen. Wenn nur der zehnte Teil von dem wahr wäre, was über euren armen Talmud gelogen wird, müßtet ihr wie die Katzen in den Rhein. Heilige Mystik! Den Menschen soll’s gruseln, damit er bei der Stange bleibt. Und unser Griechenhimmel ist dennoch voll von Göttern!«

Moritz Lachner schritt, ein glückliches Leuchten in den Augen, neben dem Idol seiner Kindheit her. Daß es auch das Idol seiner Jünglingsjahre bleiben würde, das spürte er in dieser Stunde. So frei werden, so warmherzig in der Freiheit! Wie er ihn liebte! — — —

»Was spintisierst du, Moritz? Deine Gedanken flattern wohl um Bonn?«

Hastig wehrte der junge Mann ab. »Ich dachte nur daran, ob sich das, was Sie mir soeben erschlossen, nicht zur Grundlage einer — einer Kulturgeschichte machen ließe.«

»Mir scheint es wirklich,« meinte Otten, »als ob ein Jude noch am ehesten berufen wäre, eine europäische Kulturgeschichte objektiv zu schreiben. Er ist an den Kämpfen der herrschenden Parteien am wenigsten beteiligt gewesen, ihm konnte es zuletzt gleich sein, ob Doktor Luther oder Doktor Eck recht behalten würde, ihm kann es — die Vornehmheit seiner Gesinnung vorausgesetzt — nur darauf ankommen, zu bestimmen: welche Aufgaben sind gelöst, welche Lösungen sind verhindert worden? Das Resultat aber zeigt den Weg, den wir gehen müssen.«