»Die Vorschläge des Herrn Doktor sind immer gut.«
»Wie wäre es, wenn wir auf den glorreichen Abiturienten ein Trankopfer —«
»Ist das Ihr Ernst? Sie würden ein bescheidenes Glas Wein mit uns teilen?«
»Sagen wir eine Flasche. Und auf die Bescheidenheit lege ich weniger Wert.«
»Ich habe einen Italiener, ein Festweinchen, Herr Doktor. Durch einen Geschäftsfreund in Toskana. Extra für den heutigen Tag bezogen, an dem der Moritz mir die Freude mit dem feinen Examen bereiten würde. Der Herr Doktor sind ja Kenner. Nein, ich hole ihn, Moritz. Du bist heute der Gefeierte, mit Ihrer Erlaubnis, Herr Doktor, und der Erlaubnis von Fräulein Carmen. Ohne der Gastfreundschaft Abbruch zu tun.«
Er stieg eilig in den Keller und kehrte mit einer großen, strohumwundenen Flasche zurück. Aus einem alten Kredenzschrank suchte er Gläser hervor. »Es ist seltenes Kristall. Venezianer Arbeit. Aber auch der Tag ist selten, der solche Gäste bringt, und selten —« Er schenkte ein und murmelte das letzte in den Bart.
»Sie dürfen es laut sagen, Herr Lachner. Und selten ein wackerer Sohn. Aber die Väter geben die Beispiele. Und deshalb bringen wir das erste Glas auf den Vater unseres jungen Freundes Moritz. Herr Simon Lachner lebe hoch!«
»Gott, Herr Doktor, Gott, Herr Doktor — —«
»Und nun schenke ich selber ein. Her mit dem Kristall aus Venedig. In kristallklarer Schale edles Traubenblut. Das sei das Wahrzeichen für den, der auszieht, ein Mann zu werden. Und wenn die Schale einmal anläuft, der Wein darf’s nicht entgelten. Der Schale können wir den alten Glanz geben, einem getrübten Wein nie wieder sein göttliches Feuer. Und wenn es um dich her Schloßen hagelt, laß dir kein Wasser in den Wein deiner Begeisterung gießen, mein Junge. Die Begeisterung ist das halbe Leben, und die andere Hälfte ist die Kraft, die sie erhält. Beides wünsche ich dir. Bewahr es dir als dein unantastbares Reservatrecht, und die Jugend höret nimmer auf. Prost, Student!«
Moritz Lachner stand und atmete schwer. Dann leerte er sein Glas bis auf die Nagelprobe.