»Den Mann machen.«

Hatte er sich getäuscht? Ihm war gewesen, als hätten wie zufällig ihre kühlen Finger seine Hand gestreift. Er spürte es an dem plötzlichen Stillstehen seines Herzens. Nein — es war ein Irrtum. Sie schaute in Gedanken verloren zum Fenster des rasch dahinrollenden Gefährtes hinaus. Er hatte sich also getäuscht. Aber der Gedanke, daß es hätte sein können, blieb, und er fühlte, wie das heiße Herz noch immer unregelmäßig schlug. Torheit! Diese Frau! »Ich hasse sie,« hatte ihm der Freund gesagt. Und er? Er haßte sie nicht. Er liebte sie noch weniger. Aber sie war besonderer Art. Sie interessierte ihn — aus einem Kräftevergleich.

»Der junge Lachner wird Carmen pünktlich heimbringen,« beschwichtigte er sich. »Vielleicht sind sie schon zu Haus und amüsieren sich mit Frau Maria über den väterlichen Durchgänger.« — Frau Maria — Carmen — Vater — es zog ihm durch den Sinn und versank. »Sie hat doch meine Hand gestreift ...«

»Wann soll der Kutscher Sie erwarten?« fragte ihn Frau Amely, als der Wagen hielt. »Sie sehen, auf welchen gut bürgerlichen Ton die Mitternachtsstunde gestimmt wird.«

»Um eins, gnädige Frau. Dann ist die Geisterstunde zu Ende.«

»Für heute. Oder für die, deren Geist nur für eine Stunde reicht. Treten Sie ein, meine Herren. Der Kutscher hat Weisung, Herr Doktor.«

Die Herren warfen in der Garderobe nur den Domino ab. Als sie den Salon betraten, vernahmen sie aus dem Nebenzimmer Musik. Frau Amely, im Gewand der bergischen Herzogin, das rostbraune Haar in halblangen Locken auf der nackten Schulter, saß im Musikzimmer am Flügel und spielte eine wilde, eigenwillige Phantasie, aus der es immer wieder wie ferne Geigen und Flöten erklang. Zum Hochzeitsreigen zu unheilig, zum bloßen Tanz zu toll und kapriziös — — — Karneval!

»Komm,« sagte Lüttgen und zupfte den Freund am Ärmel, »wir haben nichts gehört. Das kann lange dauern. Wir pilgern gen Rauental.« Die Geister des Weines waren über ihm.

Otten machte sich mit einer mechanischen Bewegung von ihm frei. Er trat an den Flügel. Er lehnte sich in die Buchtung. »Was ist das, was ich spiele?« fragte ihr Blick. Und er antwortete laut: »Nur ein Gedicht ließe sich dazu rezitieren, und Sie haben daran gedacht.« Sie nickte, blickte ihn immer noch an und phantasierte weiter. Und er fuhr fort: »Die Herzogin von Berg ist guter Laune, wenn sie den Erinnerungen Audienz gibt. Oder — heißt es mehr?« Sie blickte ihn an, spielte und lächelte.

»Das wird mir zu mystisch,« brummte der Hausherr. »Ich hole den Wein hierher, oder er bleibt noch ungetrunken.« Und er verschwand in seinem Arbeitszimmer.