»Du,« sagte Moritz und machte ein fröhliches Gesicht, »um halb acht beginnt das Konzert. Jetzt ist es sieben. Wollen wir zum Gürzenich laufen. Wenn er aus dem Wagen steigt, kriegen wir ihn zu sehen.«
»Du willst mich uzen.«
»Wenn du’s nicht glaubst, da an der Säule kleben die Plakate.«
Ehrfürchtig gingen sie hin und lasen. »Liederabend von Dr. Joseph Otten. Im Saale des Gürzenich.« Zweimal und dreimal lasen sie. Das Mädchen erschauerte und blickte mit fiebrigen Augen auf das Papier. »Der Vater — —« Und wortlos trollten sie sich durch die Martinsstraße nach dem Wunderbau mittelalterlicher Gotik, einst »der Herren Tanzhaus«, dem Gürzenich.
Eine Horde Gaffer drängte sich an der Eingangstür: Frauen in Umschlagtüchern, Kinder auf dem Arm; Kleinbürger, die zum Abendschoppen strebten; Eckensteher in Schiffermütze und buntgestickten Plüschpantoffeln. Der Joseph Otten sang! Auf den Jupp waren sie stolz. Es war »ene Köllsche Jung«!
Die Kinder hatten sich in die vordere Reihe gedrängt. Die kleine, schlanke Carmen hielt sich fest an Moritz Lachners Hand. Wagen auf Wagen fuhr vor. Herren in vornehmer Haltung, Damen in großer Konzerttoilette entstiegen ihnen und eilten, durchs Portal zu kommen. Denn die Zaungäste kritisierten scharf und laut. »Jessesmarijusepp, die hätt’ sich äwer fies fein angedonn.« »Süch ens, die meint, sie wär’ em Huchsommer. Madam, Sie werde sich verkühle!« »Achtung, Här, der Kopp oder der Zylinder!«
»Das war mein Vater,« sagte Laurenz Terbroich, als der geradgereckte Herr, dem der Zuruf gegolten hatte, im Portal verschwunden war.
Es schlug halb acht. In raschem Trab kam ein Wagen heran und hielt. Ein hochgewachsener, früher Vierziger sprang elastisch heraus, gab dem Kutscher Weisung und wandte sich dem Eingang zu. »Guten Abend, Herr Doktor Otten,« scholl es hinter ihm her. Da wandte er sich lachend um, grüßte mit dem Schlapphut und winkte mit der Hand. Im Begriff, ins Portal zu treten, blickte er noch einmal über die Schulter, als sei ihm vorhin irgend etwas aufgefallen. Sein stahlblaues Auge traf die Kinder, suchte die erglühende Carmen heraus. Eine Erinnerung ging durch seinen Blick, ein Erkennen. Ein Aufstrahlen, und ein Nicken hüben und drüben. Dann war er im Gürzenich verschwunden. — —
»Das war mein Vater,« sagte die Kleine triumphierend zu Laurenz Terbroich. Und die beiden liefen hinter dem Volk her, um zu hören, was gesprochen würde.
Moritz Lachner blieb allein vor dem Gürzenich zurück. Seine Seele war mit dem bewunderten Manne hineingegangen, und er wartete, daß er sie ihm wieder herausbrächte. — —