II

Im ersten Stockwerk des Ottenschen Hauses waren seit Beginn der Dämmerung die Rouleaus herabgelassen. Die rotbeschienenen Säume verrieten, daß in der Wohnung frühzeitig die Lichter angezündet worden waren. Hin und wieder zeichnete sich hinter den Vorhängen der Schattenriß einer Frau, der erst kürzer, dann länger verweilte und sich wieder verlor ...

Der alte Klaus hatte in der Haustür seine Pfeife ausgeraucht. Während er von dem langen, dünnen Tonstiel ein Stück abbrach, um ein frisches Mundstück zu bekommen, trat er auf die Gasse und blinzelte zu den Fenstern des Stockwerks hinauf. Kopfschüttelnd stopfte er mit dem Daumen den Pfeifenkopf, brachte den überflüssigen Tabak sorgsam wieder in der Hosentasche unter, knickte ein Bein, um an dem gespannten Schenkel ein Schwefelholz in Brand zu setzen, schmatzte den ersten Rauch aus dem Rohr, spuckte und ging kopfschüttelnd ins Haus hinein. Als sich die Haustür schloß, erschien hinter dem beleuchteten Vorhang hastig der Frauenschatten, verharrte einen Augenblick reglos und schwand.

Von den Türmen der Stadt schlug es halb acht Uhr. Die hohe Kastenuhr im Eßzimmer der Wohnung tat gleichzeitig einen dumpfen Schlag. Die Frau, die an der geschweiften Säule des breiten, flämischen Büffetts lehnte, hob einen Moment den Kopf, als ob noch etwas folgen müsse. Und schon pinkte hell aus dem Nebenzimmer eine Rokokouhr.

»Alles geht seinen geregelten Gang,« dachte sie und legte die Hände wie einen Reif um die Stirn, als sollten widerspenstige Gedanken zur Ruhe gebracht werden. Dann ließ sie müde die Arme sinken.

»Er kommt nicht,« sagte sie laut. »Nun könnte ich eigentlich die Lampen löschen.«

Ihr Kleid raschelte, als sie ein paar Schritte tat. Sie sah an ihm hinab. Es war ein weißer Brokat, der die kräftige Gestalt fest umschloß. Ohne einen Ausschnitt zu zeigen, ließ er den Hals frei. Eine Kette großer, blaßroter Korallen hing über der Brust. Nur dieser eine, erlesene Schmuck.

Sie strich mit der Hand über den Stoff.

»Wie lang’ ist das her,« kam ihr in den Sinn, »daß ich dies Kleid zum erstenmal trug. Er wollte mich in keinem anderen sehen. Jedesmal sollte ich es tragen, wenn er heimkehrte, jedesmal wie eine Braut ... Das Kleid ist wie neu geblieben. Ich hab’ es also nicht oft zu tragen gehabt.« —

»Ach, nicht so!« wies sie sich selbst zurecht. »Ich hab’s gewußt. Und ich freu’ mich doch, daß es so ist, wie’s auch ist.«