»Längst! Längst Waffenstillstand. Es gibt eben nichts mehr zu bekämpfen.«
»Habt ihr etwa — Geheimnisse voreinander?«
»Wie soll ich das wissen? Und warum auch? Jeder geht seinen Weg für sich, und da auf diese Weise keiner den anderen stört, so schreiten wir mit der Kultur und leben, was man heutzutage eine Idealehe nennt.«
»Aber ich finde euch doch hier ganz gemütlich beisammen?«
»Ich verbringe seit Jahren hier meine frühzeitige Urlaubswoche. Wenn der Frühling kommt, bin ich durch die Fabrik und die Gesellschaftsanforderungen so kaput, daß es mir ein Bedürfnis ist, mich mal ordentlich auszurekeln. Diesmal teilte meine Frau das Bedürfnis. Wir sind in Kleinigkeiten sehr aufmerksam gegeneinander.«
»Vielleicht störe ich?«
»Du bist wohl nicht bei Sinnen? Stören! Das Umgekehrte ist der Fall, justement. Das Umgekehrte. Das war ja ein ganz unnatürlicher Zustand, in dem wir uns hier befanden. Zwei Menschen, die sich schlechterdings nichts zu sagen haben, sitzen auf einer einsamen Insel. Aus Dekorationsrücksichten. Wirkungsvoll, aber steifleinen. Unter uns: ich habe mich in dieser drückenden Stille schrecklich gegrault. Du hast den Bann gebrochen. Es kommt Leben in die Bude.«
»Lüttgen — ich werde nicht umhin können, während meines Aufenthalts den cavaliere servente zu spielen. Jede Dame hat bei ihrem Gast ein Anrecht darauf. Oder der Gast hat stillschweigend die Tür von außen zuzumachen.«
Lüttgen lachte schallend. »Sind das die Schmerzen, die dich bedrücken? Ich sah dir doch gleich an, daß du was auf dem Herzen hast. Spiele du nur den cavaliere servente. Es wird der Gnädigen nichts schaden, einmal einen Mann kennen zu lernen, der mein Freund ist. Mein Freund, Joseph! Plein pouvoir! Und bei Gott, es soll mich freuen, wenn du ihr die Marotten vertreibst und ihr beibringst, Männer nicht nach dem schönen Augenaufschlag zu beurteilen. Eifersucht? Auf etwas, das ich nicht besitze? Allzu kläglich. Nur von dem Meinen lass’ ich mir nichts nehmen. Dich zum Beispiel nicht.«
»Ich bleibe nur ein paar Tage,« sagte Otten. »Ich bin durch Köln gereist, ohne Frau und Kind zu sehen. Aber ich wollte vorher noch etwas frische Luft schnappen. Das kommt denen zu Hause dann zu gute, das Blut ist ruhiger.«