»Nein,« fuhr er fort, »nicht diesen überlegenen Ton, der den Ärger über mich schlecht maskiert. Ja, was glauben Sie denn? Glauben Sie denn wirklich, ich, Joseph Otten, würde hier liegen und sehnsuchtsvoll in den Frühlingshimmel starren, während auf Armesweite der Frühling leibhaftig kauert? Würde nicht mit einer einzigen Bewegung diesen Frühling an mich ziehen und ihn nicht eher freigeben, als bis sein Lebensgeheimnis das meine geworden? Meinen Sie denn, ich hätte keine Augen im Kopfe, um dieses kapriziöse Menschenwunder vor mir zu sehen? Und keinen wilden Herzschlag in der Brust, der danach verlangte, sich auszupochen? Was ich nie getan habe, tue ich heute. Ich respektiere den Mann, der dahinter steht. Weil er mein Freund ist, gewiß. Aber viel mehr noch, weil er ein armer Mensch ist, der sich von vornherein in seinen Hoffnungen betrogen sah. Hoffnungen auf dich könnte ich ihm also nicht nehmen. Aber wenn ich dich küssen würde, so wie ich dich küssen möchte, müßte ich — ihn fallen lassen. Und das hat er nicht verdient. Man stiehlt keinem Bettler seinen Notgroschen.«

Frau Amely saß unbeweglich und blickte in den Wald. Dann sagte sie langsam: »Dennoch — käme es darauf an, festzustellen, wer der Bedürftigere wäre.«

»Er ist es. Das ist keine Frage.«

»Hör zu ... Du behauptest, er leidet unter mir, weil ich keinen Hehl daraus mache, daß ich von seiner Existenz nur die notwendigste Notiz nehme. Ich gebe mir keine Mühe zu einer Annäherung. Mehr noch, ich wünsche die seine nicht. Ich aber behaupte: ich leide unter ihm! Ich habe ihn geheiratet, weil er der große Fabrikherr war. Ich bin viel zu stolz, das Motiv in Abrede zu stellen. Ich wollte auf die sorgenlose Höhe, auf die ich gehörte. Das aber ist in dieser Angelegenheit der einzige Vorwurf, der gegen mich erhoben werden könnte. Ich wollte nicht länger mehr warten, und ich beging den vorschnellen Fehler. Was war’s, was ich eingetauscht hatte? Lassen wir das. Du kennst ihn. Aber ich gebe dir die Versicherung, ich habe zuerst getan, was ich konnte, seinen Geist und seine Liebhabereien umzubilden, sie den meinen anzupassen, denn darauf hatte ich ein Recht, weil ich ohne Phrase und Überhebung die stärkere Individualität von uns beiden war. Einer mußte nachgeben. Er bedauerte, er sei zu alt dazu und könne sich nicht mehr ändern. Und ich bedauerte, ich sei noch zu jung dazu und könnte es noch nicht. Die Liebe hätte darüber hinweghelfen können. Aber sie war ja gar nicht vorhanden gewesen. Nein, nein, auch nicht auf seiner Seite. Das war rheinisches Protzentum. Die Freude, ein apartes Sächelchen zu haben, das die anderen anstaunen würden: ›Der Lüttgen — der kann sich’s leisten. Doch ein großartiger Kerl!‹ Ich hätte eine andere sein müssen, nicht eine Frau, die das weibliche Sklaventum als lächerliche Farce empfindet, nicht eine Frau, die sich für ein Dutzend Ringe und Halsketten nicht die Seele morden läßt von einem Händler, der Seele für Luxus hält und sie in seinem Materialismus höchst störend empfindet. Um aber mit mir spielen zu lassen, nur spielen, dazu will ich, daß der Partner mir ebenbürtig ist. Oder wir sind nicht unter uns, und die Scham bleibt, und die Demütigung beginnt. Er hat mich nur demütigen können. Er, er! Nicht ich ihn! Und wenn ich mich endlich freimachte, so frei, wie ich heute bin, so nahm ich mir endlich mein altes Recht zurück, mein unveräußerliches Menschenrecht.«

»Ist das — alles wahr?« fragte Otten und dehnte die Worte.

Sie wandte sich blitzschnell nach ihm um. »Würde ich sonst im stande sein, solche Empfindungen — vor einem — dritten — auszusprechen?«

»Sie formt die Worte nach einer Augenblickslaune,« dachte Otten, und laut sagte er: »Es gehört eine große Verlassenheit oder ein großer — Haß dazu.«

»Haßt er mich nicht?«

»Es ist wahr,« dachte Otten, »er haßt sie nicht minder. Irgendwo brennt es, und irgendwo ist der Widerschein.«

Sie las ihm seine Gedanken ab. »Ich weiß, daß er herumgeht und Menschen, denen ich näher treten könnte, gegen mich einzunehmen versucht. Er wird bei dir keine Ausnahme gemacht haben. Nun, gib Antwort: wer verleiht dem Haß Gestalt? Wer ist der leidende Teil? Wer hat nötig, einen Freund ganz für sich zu beschlagnahmen, ganz für sich, damit das Leben wieder neuen Aufschwung nimmt? Du kennst mich jetzt zur Genüge, um selber urteilen zu können. Bin ich so abschreckend?«