»Du bist eine Hexe.«
»Bleib ernst. Du bist viel zu ritterlich, um nicht zu entscheiden, wo das Recht steht. Und wo das Recht steht, da stehst du. Da steht deine Freundschaft ungeteilt.«
»Und doch wiesest du die Anrede ›Freundin‹ zurück?«
»Dann nicht mehr. Denn dann hat das Wort die Skala der Töne, und ich suche mir meinen Ton.«
»Liebe, arme Freundin,« sagte er zärtlich.
»Nein — reiche!« ... Sie legte ihre Hand auf seine Augen und ihre Lippen fest auf seinen Mund. Und es war ein Zauber im Walde wie vor verwehten Jahrhunderten, da der Mönch von Heisterbach grübelnd durch den Wald schritt, den Sinn des Wortes zu ergründen: Tausend Jahre wie ein Tag — — —.
Schulter an Schulter wanderten sie schweigend den Weg entlang, und das Staunen des Waldes lief hinter ihnen her. Frau Amely ging mit heimlich glänzenden Augen und hoch erhobenem Haupt, und auf Ottens kühnem Gesicht lag die Sonne des Frühlings, den er aus dem Walde heimtrug. Es dämmerte, als sie Königswinter erreichten. Sie banden das Boot los und kreuzten über den Rhein, dem Ufer von Godesberg zu. Aber sie mochten nicht landen. Immer stiller wurde es auf dem Wasser, immer stiller das Gestade auf und ab. Der frühe Mond stieg feuriggelb über die Ruine des Drachenfels hinaus, und sein Licht gab Himmel, Strom und Gelände einen mystischen Glanz. Die Spur, die der Nachen zog, war wie rieselndes Silber. Wenn sie die Hände ins Wasser tauchten, die sich gleich zueinander fanden, lag auf der Haut ein silbernes Scheinen. Und wenn sie sich zueinander beugten, sahen sie das silberne Glänzen tief in ihren Augen. Bis Frau Amely unter einem mahnenden Nachthauch erschauerte. Da drehte er das Steuer, ließ die Segel beifallen und glitt an den Strand, der den Parkrand der Villen bespülte.
Sie sprang aus dem Boot, stand einen Augenblick, als ob sie sich besänne, und dehnte dann mit einer weit umfassenden Bewegung die Arme gegen den bestirnten Himmel. »Ah — —,« sagte sie, »schön — — ...!« Und ihre Stimme hatte einen dunklen, vibrierenden Ton.
»Komm hinein. Die Abendkühle ist nicht für dich.«
»Für uns beide nicht.«