»Den Mut zum Leben? Ich denke ihn noch ausgiebig zu beweisen.«

»Ich wollte, ich könnte auch noch umlernen. Herr Gott, heraus aus der ganzen Verlogenheit. Junge, wenn ich daran denke, wie wir wie die Holundermännchen über Bord sprangen und untertauchten, wo es am tiefsten war. Das war Musik, wenn einem der Strom in den Ohren grollte. Das sollte noch ganz andere Musik werden! Und nun steige ich Jahrzehnt für Jahrzehnt in seichtem Wasser herum, und der Lebensstrom braust dahinten.«

»Es ist dein Beruf, Heinrich.«

»Beruf ist, wozu man berufen ist. Zum Historiker war ich berufen, nicht zur Tonsur. Und sie ist mit den Jahren größer geworden, nicht kleiner. Hat es die Religion so nötig, Zwangsjacken anzuwenden? Müssen wir Priester immer noch eine finstere Kaste bilden, statt die Sonne dieses Lebens zu verkünden und Gott zu loben, wenn wir sie und seine Güte an uns selbst am stärksten empfinden? Im Fleisch ist der Teufel! Welch ein mittelalterlicher Blödsinn.«

»Leg dein Amt nieder, Heinrich.«

»Wir sind auf Lebenszeit. Jetzt, wo ich bereits auf dem Abstieg bin, wird mir erst die Bedeutung dieses Wortes klar. Auf Lebenszeit — —. Das ist nun für die Winde. Und wir abenteuern mit dem Surrogat herum.«

»Abenteuern —?«

»Jawohl. Du hast mich richtig verstanden. Ich schlage mich mit Teufeln und ähnlichem Gelichter, mit Höllenstrafen und Bußfertigkeiten, mit Mirakeln, Dogmen und Stigmatisierungen. Und ich könnte das alles mit einem einzigen, seligen Lachen hinwegfegen, ein religiöser, aber ein freier und glücklicher Mann sein, wenn ich mich noch einmal von Herzen zu lachen getraute. Bis dahin abenteuere ich. Just wie du. Durch Sünde und Tugend. Nur daß du es freiwillig tust, — und Freiheit, echte Männerfreiheit, ist immer das Kind der Größe.«

»Komm mit mir in die Welt. Ich singe, und du gehst sammeln.«

»Und wenn es ein Scherz wäre, ich tät’s, Joseph. Aber ich habe meine Kirchengeschichte noch nicht abgeschlossen. Es fehlen noch ein paar Bände. Und einen Torso hinter sich zurücklassen, als Summe seines Lebens und Strebens, das würde mir selbst im Himmel keine Ruhe lassen. Reinliche Scheidung! — Wohin willst du?«