Nur Heinrich Koch war auf dem Bahnhof, als Joseph Otten abreiste, um sich in Neapel einzuschiffen. Joseph Otten trug den Kopf im Nacken, wie in alten Tagen. Die Ferne winkte, und er wollte sie bestehen. Aber es war der eiserne Wille, der ihm die Spannkraft gab, nicht die treibende Sehnsucht.

Die beiden Männer standen schweigend auf dem Bahnsteig. Der Zug lag reisefertig. » Partenza —! Pronti!«

Heinrich Koch schob die Brille hoch und berührte des Freundes Stirn mit den Lippen.

»Adjüs, Jupp.«

»Adjüs, Drickes ...«

Und als der Zug aus der Station rollte, zog der geistliche Professor sein Schnupftuch aus dem langen, verschabten Gehrock und schrie aus Leibeskräften und mit dem Tuche winkend hinter dem Abfahrenden her: »Alaaf Kölle! Jupp! Alaaf Kölle!«

XV

Noch einmal hob sich der Name Joseph Otten zu seinem alten Glanz. Aus der Neuen Welt kamen die Berichte, begeisterte Hymnen auf den Zaubermeister, der Lieder und Gedichte wie Lebewesen behandelte, deren Seelen er anrief und befreite. Ein Jahr lang und ein zweites lösten sich die großen Städte Amerikas in den Lobpreisungen ab. Mit Staunen las man in Deutschland von den außergewöhnlichen Erfolgen des Mannes, dem man selber einst zujubelte und den man längst zu den Verschollenen gerechnet hatte, und nur die Kenner der Verhältnisse lasen zwischen den künstlerischen Kritiken das Trompetengeschmetter des Impresarios heraus, der seine Amerikaner kannte und ihrem Sensationsbedürfnis durch die Erzählung von Wunderdingen aus dem Leben des interessanten Meisters entgegenkam, die ihn nicht nur als den einzig dastehenden Künstler seiner Art, sondern auch als den letzten Ritter ohne Furcht und Tadel feierten. »Amerika,« sagten die Wissenden und zuckten mit den Achseln.

Joseph Otten war in Amerika populär geworden. Er wußte längst den Grund. Er wußte, daß seine Person stärker in den Vordergrund gezogen wurde als sein Künstlertum, und als er eines Tages in einer Zeitung die aufgebauschte Schilderung seiner Abenteuer las, unter dem Motto: »Mit Mädchen sich vertragen, mit Männern ’rumgeschlagen,« da färbten sich seine Wangen.

Aber er unternahm keine Schritte. Mit einem verächtlichen Lächeln schob er das Zeitungsblatt zur Seite, und von dieser Stunde an blieben die Zeitungen unberührt vor ihm liegen. »Man muß die Menschen nach Verdienst behandeln,« sagte er sich. »Wollen sie ihr Geld lieber ihren niederen als ihren höheren Instinkten opfern, so sollen sie es. Ich will sie als Leitersprossen benutzen.«