Und mehr und mehr lebte er sich in den Gedanken hinein, sich in Amerika ein neues Vermögen zu sammeln, um seinen Lebensabend fernab der Welt nach seinem Geschmack zu verbringen. Nach den größeren Städten kamen die kleineren an die Reihe, er durchzog die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko kreuz und quer, er nahm die Tournee durch die Metropolen zum zweiten Male auf, und als er an einem Maiabend in New York den Dampfer bestieg, der die Reise nach Genua antrat, waren aus den zwei Jahren, die er bei seiner Landung für Amerika angesetzt hatte, vier Jahre geworden.
Stiller noch, als er ausgefahren war, kehrte er zurück. Nur Joseph Otten kam. Der Rest seines Künstlertums lag in der Neuen Welt begraben.
Nun gedachte er Abschied zu nehmen. Einen letzten, großen Blick noch wollte er von dem Lande, das er Zeit seines Lebens vor allen anderen geliebt hatte, mit hinübernehmen in seine Zurückgezogenheit, noch einmal wollte er still Italien durchziehen, bevor er die Alpen zwischen sich und die verlorene Jugend legte. In Neapel verließ er das Schiff und nahm am selben Tage den Dampfer nach Palermo. Jeden Fuß breit italienischer Erde wollte er noch einmal grüßen. Heiß stach die Sonne, aber er hatte viel Sonne einzusammeln für den Winter, den er auf sich warten wußte.
Abschied ... Es lag an dem Wort. Die »Conca d’Oro«, die goldene Muschel, lag mit goldener Sonne, goldenen Früchten angefüllt zwischen den Bergen, die Palermo umgürten. Und der strahlende Garten der Natur, bis zu den Höhenzügen bedeckt mit Blumenauen, Orangen- und Zitronenwäldern, tat seinen Augen weh. Den immergrünen Hügel Monreale mit dem Dom der normannischen Könige ließ er hinter sich, der Märchenpark der Villa Tasca bedrückte ihn mit seinem schweren, süßen Duft, im Dom zu Palermo herrschte ihm zu geschäftiges Treiben, und nur an die Porphyrsärge der Hohenstaufenkaiser, des gewaltigen und gewalttätigen sechsten Heinrich und des lachenden Siegers, des zweiten Friedrich, lehnte er sich an und träumte von der alten Germanensehnsucht nach dem Sonnenlande jenseits der Alpen. Porphyrsärge ... Eingesargt.
Das deuchte ihn die richtige Umgebung. Sich stärken an dem Schicksal der Toten. Den Wert des eigenen Daseins nicht gar so hoch anschlagen. Eine Stunde ist, die wartet auch auf uns.
Unter der Erde wanderte er dahin, dem roten Lichtschein einer Lampe nach, die eilig vor ihm einherschwankte. Er selber trieb ihren Träger zur Eile. Und doch durchwanderte er ein Reich, in dem die Zeit aufgehört hatte, Bedeutung zu gewähren, die Katakomben des Klosters Cappuccini. In der Hallengruft widerhallte sein Schritt. Weiter, weiter! Das war nicht, was er suchte, das schuf keine stolze Überlegenheit, das schuf Ekel. Die Größe und Erhabenheit des Todes, die selbst aus zerbrochenen und geleerten Gräbern sich aufreckt bis in die Welt des Lebens hinein und sie mit Schauern der Ehrfurcht erfüllt, hier hatte sie einem Mummenschanze Platz gemacht. Und sein zorniger Blick streifte die in die Gewänder ihres Standes eingekleideten Mumien, die in Bündeln von den Wänden hingen, in Gruppen beisammen standen, in gläsernen Särgen oder wurmstichigen Kisten lagen, jedem profanen Blick, jeder profanen Berührung preisgegeben, Haut und Knochen vom Staub der Jahre gelb, braun und schwarz. Frauen, die einst in Schönheit prangten, deren Schönheit einst von Gatten und Brüdern eifersüchtig bewacht wurde, stellten unter zerfetzten Lumpen ihre verschrumpften Glieder bloß, Matronen, mit den Überbleibseln einer Haube und eines Hemdes bekleidet, Kinder und Säuglinge in verstaubten Bettchen. Aus den Ecken glotzten Offiziere, vornehme Palermitaner, kirchliche Würdenträger. Noch sproß ihnen aus Kinn und Schädeldecke das mottenzerfressene Haar.
»Sehen Sie her, mein Herr,« sagte der Führer, »ein Priester aus dem Jahre 1620. Er hat noch die Zunge im Munde.« Und er öffnete dem Baumelnden den Mund, bewegte darin die zu Leder gewordene Zunge und strich sich vergnügt den Bart.
»Avanti, und der Teufel hol’ dich.«
Noch einmal hielt der Führer an, nahe dem Ausgang. Von einer Kiste schlug er den Deckel zurück und hielt die Lampe hoch. »Ein General Garibaldis, vor Palermo gefallen.«
Joseph Otten trat näher. Er stand, bis ins Innerste ergriffen. Ein Tapferer wird für ein Trinkgeld gezeigt. Weshalb bist du gestorben? Wofür? — — —