Auf dem Boden der Kiste ruhte ein schlanker Mann in weißem Totenhemd. Schwarzes Haar lag in Strähnen um den wundervollen Kopf, ein krauser schwarzer Bart umgab das Kinn. Feierlichen Ernst auf den blassen Zügen ging einst der Brave zur letzten Ruhe.
»Ahntest du dein Geschick? Daß man dich wie ein ausgestopftes Tier zur Schau stellen würde? Daß man selbst dein Totenhemd auf der Brust zerreißen würde, um hysterischen Weibern zu zeigen, wie sich noch nach Jahrzehnten das dichte schwarze Haar auf deiner Heldenbrust kräuselt? Der Dank der Nachwelt für den Auserwählten ... Ruhe in Frieden. — Es klingt wie ein Hohn.« —
Joseph Otten stand auf hoher Felsenstufe, und sein Auge suchte Syrakus. Nicht die Häuserreihen auf der einstigen Insel Ortygia, die heute den Namen führen wie den Schall tönenden Erzes und einer klingenden Schelle. Er suchte Syrakus, die glänzende Stadt des Altertums, die Gewalthaberin zweier Meere, und sein Auge schweifte über Stein und Geröll in leeres, einsam gewordenes Land. Nur die Meere waren geblieben durch die Jahrtausende, und die Wasser des Afrikanischen Meeres vermählten sich flüsternd den Wassern des Ionischen Meeres wie in alter Zeit.
Und wieder gedachte Otten des Schicksals, das mitleidslos Ruf und Ruhm hinweggewischt. Ausgelöscht war die Spur der Städtekönigin im Antlitz der Erde, und die Steine der niedergebrochenen Mauern waren zerstreut in alle Winde. Weithin bis zum Horizont dehnte sich kümmerlich bewachsenes Land, und trostlos hallten die großen Namen aus dem Munde des Wächters, der auf der Theaterstufe neben ihm stand, den Arm bald hierhin, bald dorthin streckte und die Stadtteile ausrief, die, unter lastende Erde gebettet, dem Menschenwort so weit entrückt waren: Ortygia mit der sagenhaften Quelle Arethusa, Achradina, Tyche, Neapolis, Epipolä!
»Wo sind die Tempel der Götter? Wo ist Hierons gewaltiger Palast und die ragende Akropolis des Tyrannen Dionys, des Mannes, der seiner Zeit den Stempel seiner Größe gab und den die Legende verunstaltete? Das Ödland gibt keine Antwort. Oder doch? Will es, daß du es heißer beschwörst?«
Er stieg die Stufen hinab, deren Reste man dem Schoß der Erde entrissen hatte, kümmerliche Reste ohne den Schmuck der feierlichen Säulen und der heiteren Kapitäle, die einstmals hier das herrlichste Theater Großgriechenlands schmückten. Und er stieg weiter, in den Bauch der Felsen hinein, die vor Jahrtausenden ihre Quadern hergegeben hatten zum Wunderbau der Stadt, in die Steinbrüche, in die Latomien.
War er der Welt entrückt? Hatte er dennoch den Pfad gefunden zum Garten Eden, dem verschollenen? Schwindelnd hohe, glatte Felswände bedrängten ihn links und rechts, dumpfer schlug das Herz, wie zwischen Gefängnismauern — da — plötzlich — ein Felstor. Die Wände wichen zurück, eine Talmulde öffnete sich, ein Kleinod, von der steinernen Wächterkette gegen unberufenen Einblick geschützt, ein Paradies voll Rosen und Myrten, Lorbeer und Palmen, voll Blumen und Bäumen jeder Art. Still und weich wob die Luft. Und die Sehnsucht, die den Menschen treibt und treibt, seit er den Garten Eden verlor und ihn nicht wiederfinden kann mit der heimverlangenden Seele, ließ ab, den Wanderer zu quälen. Wie in geweihter Stätte faltete Otten die Hände. Ein Blumenmärchen ... Und unter einem Blumenmärchen schlief ein Großes, schlief eine Städtekönigin, das alte Syrakus, den Todesschlaf. Wie schön das war. Tot — und unter Blumen. — —
Ein neuer Steinbruch, eine neue Blumenlatomie nahm ihn auf und entriß ihn dem Tage, der hinter ihm zurückblieb. Ein seltsam gewundener Gang leitete ihn durch das Herz des Gesteins, und eine Erinnerung durchzuckte ihn: Du bist im »Ohr des Dionys«. Der Führer sprach. Wie Schreien und Toben klang es von den Wänden, deren Ende er nicht sah, wie Jammern, Weinen, Wahnsinnslachen. Hier schmachteten die Tausende der Athener zu Tode nach der unglücksvollen Schlacht bei Syrakus, die Demosthenes und Nikias mit dem Kopfe zahlten. Hoch oben in der Spitze des Felsens ein kleines Gelaß. Und die Legende will, daß der Tyrann Dionys darin wohnte, die Gespräche der Gefangenen zu belauschen. Denn der Widerhall des geflüsterten Wortes wuchs hier zur dröhnenden Meeresbrandung.
Schweigsam ging Otten hindurch. Und er hörte die Steine reden vom Niedergang Athens und vom Blute seiner Edelsten, und er hörte sie reden vom Stolz der Siegerin Syrakus, an der sich nicht minder das Schicksal erfüllte.
»Sic transit gloria ...« murmelte er.