Und tiefer noch drang er ein zu der verschollenen Stadt. Es war etwas in ihm, was ihn trieb, Tod und Vergängnis zu erforschen, während die heiße Sonne Siziliens das Land in Flimmer badete.
Vor ihm schritt ein Kuttenträger, ein Mönch des Kirchleins San Giovanni. An eiserner Kette schwang er ein antikes Öllämplein, und das rotflackernde Licht beleuchtete gespenstisch die Katakombengänge. Der abschüssige unterirdische Weg machte jäh eine Wendung, der Kuttenträger hielt stumm die Lampe hoch, und vor ihnen verzweigte sich ein Labyrinth. Eine Stadt breitete sich aus in Straßen und Gassen. »Hier ist in Wahrheit das alte Syrakus,« sagte sich Otten beklommen, »ich bin in der Stadt der Toten.«
Stille Behausungen sind es, die den Schritt zu beiden Seiten der Gänge hemmen, den Atem schwer machen. Gräberkammer reiht sich an Gräberkammer, Tausende reihen sich an aber Tausende. Hier schläft ein ganzes Volk. — Dort eine Familie der Herrschenden in geräumigem Ahnengrab, dort ein einzelner, dort ein Kind. — — Nein, sie schlafen nicht mehr hier. Man hat ihre Knochen, ihre Heiligtümer, ihren Schmuck, ihr Totengeld und ihre Lampen weggeführt in die Museen, in Schaukästen, hinter Glasscheiben, und nur die leeren Gräberkammern, Tausende an aber Tausende gereiht, erzählen dem Wanderer: »Hier hast du, was du suchtest. Hier hast du Syrakus —.«
Die Sonne zu Häupten, durchzog Otten Kalabrien. An Tempeltrümmern, Sarazenentürmen und Normannenkastellen vorüber zog er die endlose, einsame Küste entlang, und der blühende Wechsel antiker und romantischer Schönheit sagte ihm nichts, er sah nur den Tod am Werk, den Verfall.
»Ich hätte es lassen sollen,« dachte er oft, »das Bewußtsein, das alles nicht mehr wiederzusehen, legt mir eine graue Binde über die Augen.«
Lange Strecken hatte er mit einem kleinen Gefährt zurückgelegt, jetzt benutzte er die Bahn bis Neapel und fuhr ohne Aufenthalt hinüber nach Capri. Der Juni hatte die Herrschaft übernommen. Aber nicht wie sonst um diese Jahreszeit blickte eine erhitzte Sonne auf verbranntes Gebüsch und einen verwelkten Blumengarten. Noch hatte der Frühling Macht, ein schwärmerischer Spätfrühling, der nicht weichen wollte von den bunten Gestaden. Über Capri lag ein Duft von blühendem Ginster, Myrten und Lorbeer. Schmeichlerisch strich er über das silberblaue Meer dem Duft entgegen, den die Gärten von Sorrent als Antwort auf stummes Werben sandten. Die Menschen aber, die jahraus, jahrein aus dem Norden kamen und die braunen Caprioten verschwinden machten vor ihrer vierfachen Überzahl, ließen die Dampfer nach Neapel leer zurückkehren und behaupteten Monte Tiberio und Monte Solaro, die große und die kleine Marina weiter, weil ihnen der Frühling das Beispiel gab. In wohligem Hindämmern lag die Insel befangen. Man atmete nur ...
Verstimmt zog sich Otten von dem Menschenvolk zurück. Er hatte geglaubt, die Insel in sommerlicher Abgeschiedenheit zu finden. Und nun überall die schwatzende, neugierige, intrigierende Gesellschaft, wie sie sich so gern auf Capri findet.
In der blauen Luft wuchsen jenseits des Golfes die Umrisse des Vesuvs. Der hämische Feuergeist des Berges begann sich zu langweilen in dem Frieden der Natur, und der Träumereien müde, spie er seinen Groll hoch in die Luft. Noch sog das Tageslicht den Feuerschein auf. Nur eine gewaltige Rauchsäule preßte sich aus dem Kratermaul und füllte den Himmel über sich mit Wolken. Von der Piazza des Städtchens Capri sah man hinüber und ging weiter.
Am Spätabend wanderte Otten noch einmal hinaus zu der Mauer, die sich hoch oben am Hang, über der großen Marina befindet. Nach dem Geschwätz der reisenden Philister sollte die Natur zu ihm reden. Und sie redete.
Fand drüben an der in Nacht getauchten Küste ein Feuerwerk statt? Hatte man einem weltfahrenden Heros zu Ehren den Vesuv illuminiert? Die mächtige Pyramide ragte wie ein Zauberbild allein aus der Nacht hervor. In kurzen Zwischenpausen quoll ein Strom von Glut aus seinem Kegel, und den Flügel des Berges zeichnete eine flammende Kontur. Nichts sonst zu erblicken in meilenweiter Runde. Schweigendes Dunkel, und in der Ferne, weit überm Meer, ein feuriges, flammendes Rätsel.