Zwei Nächte kam Otten an den Platz zurück, dann gab er der Lockung nach. Als der Frühwind über die See strich, trug ihn ein Schifflein an den Grotten Sorrents vorbei, hinüber nach Vico equense, wo er einen Wagen fand. Und unter Peitschengeknall und anfeuerndem Aoh! des Wagenlenkers ging es pfeilgeschwind die Straße entlang, durch Castellamare hindurch, vom Meere ab durch Wiesen und Felder, bis von leichter Anhöhe das alte, wiedererstandene Pompeji aus trostlos leeren Augenhöhlen ihm entgegenstarrte.

»Die Drahtseilbahn auf dem Vesuv ist seitens der Regierung wegen drohender Gefahr gesperrt,« meldete zungengeläufig der Hotelier an der Straße.

Was ging ihn das an? Umso besser nur. Er würde allein sein in der Feuerregion. In Bosco reale nahm er gegen Hinterlegung einer Pfandsumme einen Gaul. Die Mittagsglut scherte ihn nicht. Ritt er doch der Glut entgegen, die geheimnisvoll die atmende Brust der Erde erfüllte, die einen Ausbruch suchte, um sich nicht selbst zu verzehren. Das war ein Bild, das ihm vertraut erschien.

Die Gärten blieben zurück und die immergrünen Hecken. Nach anderthalbstündigem Ritt ein letztes, einsames Gehöft, die Casa Bianca. Einen Schluck Lacrimae Christi mit auf den Weg, und vorwärts! Längst war das Haus verschwunden. Er ritt über den Rücken des Berges, über das endlose Steinfeld der Lavaströme. Kein Weg, kein Steg. Kein Baum, kein Strauch. Braune, stahlharte, messerscharfe Lavamassen, soweit das Auge reichte. Kein Ruf des Lebens mehr, der das Ohr erreichen konnte. Hier schritt der Tod zu seinem Herrensitz, und hinter ihm blieb verbrannte Wüste ....

Das Pferd suchte schauernd seinen Weg zwischen den Klippen. Trat es fehl, sank es knietief in weiche, schluckende Asche. Ein düsteres Lächeln um den Mund saß Otten im Sattel.

Drohender reckte sich der Aschenkegel des alten Kraters vor ihm auf. Eine Stunde noch, und das Pferd wieherte hell in die Luft. Es witterte in der erstarrten Einsamkeit die Menschensiedlung, den kleinen Bahnhof der Vesuvbahn.

Otten stieg ab und unterhandelte mit den Karabinieri, die den Absperrungsdienst hatten. Die Kraterführer traten hinzu und ließen sich gewinnen. Ein Karabiniere schritt neben dem Führer, der die Spitze nahm. So ging es dem Schlund zu Leibe. Nur das Keuchen der Männer vernahm man, schrittweise mußte das Terrain erobert werden. Immer heftiger schlugen die Pulse, immer stumpfer krochen die Gedanken, die Minuten dehnten sich, der Anstieg im heißen, gleitenden Aschenpulver nahm kein Ende. Nun — nun! Der Führer hielt an. Keiner sprach. Und langsam nahmen die Sinne ihre Tätigkeit wieder auf. Der Gipfel war erreicht.

Ein kurzer Anmarsch an den Kessel. Wie Nadeln stachen die Schwefeldämpfe in die Lungen. Höllenlärm ringsumher. Zischender, brüllender Dampf. Irgendwoher eine Stimme: »Halt!« Ein paar Augenblicke gewaltsamen Aufatmens — und zur Seite, einen Schritt breit von Otten getrennt, ringelte sich ein grausiger, schuppiger Lindwurm, der neue Lavastrom. Langsam, unheimlich schob sich der glühende, aufflammende Brei den Kegel hinab, ein unfaßbares, höhnisches Untier. Und kurze Zeit nur gestattete es seinen Anblick. Neue Massen wälzten sich über die alten, und die fauchenden Schwefeldämpfe benahmen Gesicht und Atem ....

»Kein Fremder, der das gesehen hat, Herr.«

Otten nickte nur. Was wußte die Menschheit, die zahme, von dem Urfeuer in der Brust der Erde. Was von den Gewalten, die ihren Weg gehen müssen nach eigenem Gesetz. Aber diese Gewalten, die, sich bändigend, den Schoß der Erde erwärmten und befruchteten, vernichteten beim ungebändigten Ausbruch. Vernichteten — —!