»Nun, mein Krater ist erloschen,« dachte er, und wieder zog das düstere Lächeln um seinen Mund, »ich werde kein Unheil mehr anrichten. Aber das Bild hier — das Bild hat mir doch gut getan.«

Es wurde Abend, als Otten sein Pferd bestieg. »Jetzt erst habe ich Abschied genommen,« sagte er sich. »Abschied und ein Gastgeschenk. An diesem Bilde will ich meinen Lebensabend wärmen.«

Durch die braune Steinwüste, jetzt goldumrändert von der sinkenden Sonne, ritt er zurück. Seine hager gewordene Gestalt hing lässig im Sattel. Graue Haarsträhnen stahlen sich unter dem Hut hervor in die Stirn. Seltsam zeichneten sich Roß und Reiter in der Luft. Als zöge ein einsamer Abenteurer durch die Totenstille ...

Joseph Otten war in Rom angekommen, aber er ging nicht aus. Er hielt sich in seinem alten Logis in der Via Frattina einige Tage auf, vertrieb sich die Zeit mit Lesen und wohltuendem Hindämmern und wartete die Antwort auf einen Brief ab, den er an den Privatdozenten Moritz Lachner nach Bonn am Rhein gerichtet hatte. Die Antwort kam.

»Mein hochverehrter Herr Doktor,« schrieb Moritz Lachner in krausen Krähenzügen, »als ich Ihren Brief in Händen hielt, wußte ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Beides aus der Freude heraus. Sie sind auf dem Wege zur Heimat! — Mein letzter Brief, den ich vor einem Jahre an die Adresse Ihres New Yorker Agenten abgesandt hatte, blieb ohne Antwort. Ich teilte Ihnen darin mit, wie in Köln das Leben lief, und daß ich als Privatdozent der Geschichte an der Bonner Universität zugelassen sei. Daß der Brief dennoch in Ihre Hände gelangt ist, beweist mir der Umstand, daß Sie sich meines frischen Titels bedienen. Ich brauche also auf seinen Inhalt nicht zurückzukommen.

Sie sind auf dem Wege zur Heimat. Immer wieder läutet mir die frohe Botschaft in den Ohren und verwirrt meine Gedanken. Und doch wollen Sie nicht durch die Tore der Heimatstadt einziehen, sondern außerhalb ihrer Mauern bleiben. Ich habe nicht das Recht, zu fragen. Aber ich habe das Recht, zu hoffen.

In der Rheingasse zu Köln ist es still geworden. Carmen hat diese Ostern nach bestandenem Examen die Universität Heidelberg bezogen und sich zunächst dem Studium der Kunstgeschichte ergeben. Wohin sie ihre Studien weiter führen werden, läßt sich heute schwer sagen. Sie verbringt ihre Ferien bei ihrer Mutter, von der sie zu erbitten wußte, ihr Raum und Freiheit zur Entfaltung ihrer Kräfte zu gewähren. So ist Frau Doktor Otten in Köln zurückgeblieben. Ich habe bei meinen Besuchen nicht gefunden, daß sich ihr abgeklärtes Wesen verändert hätte. Sie ist so anbetungswürdig wie immer.

Der junge Terbroich ist nach mehrjährigem Auslandsaufenthalt zurückgekehrt und als Prokurist in die Fabrik seines Vaters eingetreten. Er hat an Auftreten und äußerer Gewandtheit noch gewonnen, und die alte Freundschaft zwischen ihm und Carmen scheint noch stärker geworden zu sein. Ein melancholischer — um nicht zu sagen blasierter — Zug, den er sich zugelegt hat, kleidet ihn gewiß. Aber es nimmt mich immer wieder wunder, daß sich ein Mädchen wie Carmen von diesen künstlich zurechtgelegten Manieren täuschen läßt. Ich schreibe das nicht aus Haß gegen Laurenz Terbroich, ich schreibe es nieder aus unveränderter Zuneigung zu Carmen.

Und nun zum Haupt- und Schlußpunkt. Der alte Klaus lebt seit einigen Jahren in der Tat in Zons. Sein Häuschen ist ganz schmuck und geräumig, eine alte Verwandte, die früher einmal Köchin war, steht dem kleinen Haushalt vor. Ich fuhr sofort nach Empfang Ihres Briefes zu ihm, und er ist mit Freuden bereit, Ihnen die obere Etage seines Häuschens, das den Blick über die alte Stadtmauer in die Rheinlandschaft hat, abzutreten. Merkwürdig rüstig ist er geblieben. Nur wortkarger ist er geworden. Und das nimmt bei seinem Alter und bei — Zons kein Wunder. Bei Zons! Ist es wirklich Ihr Ernst, Herr Doktor, sich so abseits von der Straße zu begeben? Das Städtchen liegt versunken und vergessen in den Rheinwiesen, in seiner mittelalterlichen Architektur ein Entzücken für Maleraugen, aber in seiner weltfremden Abgeschiedenheit sicher kein Entzücken für eine so stolze, heiße Seele wie die des Doktors Joseph Otten, der ich mich stets nur in scheuer Bewunderung nahte. Es ist kein Überschwang, Herr Doktor. Ich bin nur meinen Idealen treu geblieben.«

»Er denkt an den Joseph Otten von einst,« und der Lesende nickte vor sich hin. »Wie lang ist es her, daß der nicht mehr existiert.«